Holstein Kiel: Interview mit Sportchef Ralf Becker

Ich glaube an unseren guten Geist

Ralf Becker Sportchef von Holstein Kiel

Aufstiegs-Macher. In seinem ersten Jahr als Sportchef führte Ralf Becker die KSV direkt in Liga zwei. ©Imago/objectivo

Ralf Becker ist der Aufstiegs-Macher von Holstein Kiel. Der 46-Jährige kam im Sommer 2016 nach Schleswig-Holstein, nahm kurz nach Saisonbeginn einen Trainerwechsel vor und vollzog kluge Transfers. Die Folge: In der kommenden Saison spielt Kiel in der 2. Bundesliga. Im exklusiven Liga-Zwei.de-Interview spricht der Geschäftsführer Sport über die Mission Klassenerhalt, die Kaderplanung und die Konkurrenzsituation mit den Handballern vom THW Kiel.

Herr Becker, als Aufsteiger zählt Holstein Kiel automatisch zu den Abstiegskandidaten. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass der Klassenerhalt gelingt?
Ralf Becker: „Wir haben in den letzten Monaten viel Selbstvertrauen getankt. Wir haben nicht nur den  Aufstieg geschafft, sondern mit unserer Art, Fußball zu spielen, auch sehr viel Anerkennung bekommen.

Wir haben eine gute Mannschaft und einen guten Teamgeist. Auch in der 2. Liga wird es darum gehen, dass wir als Mannschaft funktionieren. Auch wenn wir wissen, dass wir mit einer hohen Wahrscheinlichkeit weniger Spiele gewinnen werden als in der 3. Liga, glaube ich an unsere gute Truppe und unseren guten Geist.“

Ablösesummen im mittleren sechsstelligen Bereich sind nicht realisierbar. (über Transfers)

Der Aufstieg hat die Fernseheinnahmen um rund 5,3 Millionen Euro steigen lassen. Das macht die Kaderplanung sicherlich einfacher…
Becker: „Wir haben unseren Stamm behalten und uns punktuell verstärkt. Große Veränderungen wird es in der Kaderplanung nicht mehr geben – auch wenn wir natürlich bis zum Ende der Transferperiode die Augen offen halten.

Und im Bezug auf die steigenden Fernseheinnahmen möchte ich daran erinnern, dass wir trotzdem die geringsten TV-Einnahmen aller Zweitligisten haben.“

Ihre Neuzugänge kamen alle ablösefrei. Kann oder möchte Holstein Kiel keine Ablösen bezahlen?
Becker: „Ablösesummen im mittleren sechsstelligen Bereich sind für uns nicht realisierbar. Das ist bei einigen anderen Zweitligisten allerdings genauso.“ 

Sie haben gesagt, keine großen Veränderungen am Kader zu planen. Jedoch haben Sie mit Patrick Herrmann nur einen Rechtsverteidiger. Ist das kein Risiko?
Becker: „Nein. Kingsley Schindler kann ebenfalls als Rechtsverteidiger spielen. Er wurde im vergangenen Jahr ursprünglich für diese Position verpflichtet, ist dann aber weiter nach vorne gerückt. Auch Tim Siedschlag kann diese Position einnehmen.“

Ich bin noch oft unterwegs, um Spiele & Spieler zu beobachten. (über die Vielfalt des Jobs)

Sie lagen mit so ziemlich allen Transfers richtig. Besonders beeindruckend ist die Entwicklung von Kingsley Schindler, den Sie ablösefrei von der zweiten Mannschaft der TSG 1899 Hoffenheim verpflichtet haben. Was haben Sie in ihm gesehen, was andere offenbar nicht gesehen haben?
Becker: „Sein Talent war unbestritten. Zudem hat er bei der zweiten Mannschaft in Hoffenheim eine gute Rolle gespielt. Bei uns fand er dann gute Voraussetzungen vor, um sich weiterzuentwickeln. Dazu haben das Trainerteam und die ganze Mannschaft ihren Teil beigetragen.“

Ralf Becker als Scout vom VfB Stuttgart

Die Scout-Zeit ist vorbei. Trotzdem ist Ralf Becker noch oft unterwegs, um Spieler zu beobachten. ©Imago

 Sie waren früher Chefscout beim VfB Stuttgart. Steckt in Ihnen noch immer der Talentesucher, der gerne auf den Fußballplätzen unterwegs ist?
Becker: „Jede meiner Stationen hat mich gut auf meine heutige Funktion als Geschäftsführer Sport vorbereitet. Ich war selbst Profi, beim VfB Stuttgart für die Jugend zuständig und als Scout tätig, habe außerdem in Karlsruhe als Co-Trainer und in Ulm als Cheftrainer gearbeitet.

Ich bin also verschiedene sportliche Bereiche durchlaufen. Und zum zweiten Teil der Frage: Es stimmt schon, ich bin auch heute noch oft unterwegs, um Spiele und Spieler zu beobachten.“

Wir möchten nicht den THW ausstechen. (über die Konkurrenz der Handballer)

Sie haben mit Neuzugang Alir Azemi, Mathias Fetsch und dem vom FC St. Pauli weiterhin ausgeliehenen Marvin Ducksch drei Mittelstürmer im Kader, die alle spielen wollen. Trainer Markus Anfang bevorzugt allerdings ein Spielsystem mit einer Spitze. Droht dadurch Unzufriedenheit?
Becker: „Sie haben noch den Utku Sen vergessen, von dem wir ebenfalls viel halten. Unzufriedenheit befürchte ich allerdings nicht. Es ist ganz normal, dass wir als Zweitligist nun eine andere Konkurrenzsituation haben.“

Das Holstein-Stadion wird in der Sommerpause auf 15.000 Plätze erweitert. Der Dauerkartenverkauf läuft sehr gut an. Wird aus der Handballstadt Kiel nun eine Fußballstadt?
Becker: „Im Handball sind die Heimspiele des THW Kiel eigentlich immer ausverkauft. Der große Andrang nach Dauerkarten stimmt uns zuversichtlich, dass auch wir einen guten Zuschauerzuspruch haben werden.

Es geht aber nicht darum, dass wir den THW ausstechen möchten. Eine Sportstadt wie Kiel kann zwei ambitionierte Vereine gut vertragen.“

Karsten Neitzel hat hier richtig gute Arbeit geleistet. (über den Ex-Trainer)

Als Sie im vergangenen Jahr zu Holstein Kiel kamen und der Saisonstart nur mäßig verlief, haben Sie Trainer Karsten Neitzel nach vier Spieltagen entlassen. War das eine schwere Entscheidung für Sie?
Becker: „Das war es. Man kommt neu zu einem Verein, lernt neue Leute kennen, hat einen guten Austausch und muss dann so eine Entscheidung treffen. Letztendlich bin ich aber genau dafür geholt worden.

Ich muss Entscheidungen treffen. Ich bin im vergangenen Jahr mit dem Ziel hier angetreten, innerhalb von drei Jahren den Aufstieg in die 2. Bundesliga zu schaffen. Ich hatte dann den Eindruck gewonnen, dass wir auf der Trainerposition einen neuen Impuls benötigten – auch wenn Karsten Neitzel hier in Kiel richtig gute Arbeit geleistet hat.“

Als Nachfolger haben Sie Markus Anfang verpflichtet, der zuvor Jugendtrainer bei Bayer 04 Leverkusen war und keine Erfahrungen im Profifußball hatte. War das rückblickend eine mutige Entscheidung?
Becker: „Sicherlich war das auch eine mutige Entscheidung. Es hätte auch schief gehen können. Aber ich war davon überzeugt, dass er der richtige Trainer für uns ist. Ich schätze Markus fachlich als Trainer, schätze aber auch seine Art. Ich war von seinem Potential überzeugt. Dass wir mit ihm direkt aufsteigen würden, war natürlich nicht zu erwarten.“

Wann wurde Ihnen klar, dass der Aufstieg tatsächlich gelingen könnte?
Becker: „Gute Frage. Wir sind etwas schwer in die Rückrunde gestartet. Dann aber ist die Mannschaft zusammengewachsen. Wir haben uns von Spiel zu Spiel weiterentwickelt und sind in einen guten Lauf gekommen, sodass wir selbst enge Spiele für uns entschieden haben.

Sechs oder sieben Spieltage vor Schluss haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: Lass uns ruhig bleiben, weiter arbeiten und auf jedes einzelne Spiel konzentrieren. Natürlich kam gelegentlich das Gefühl auf, den Aufstieg packen zu können. Aber davon darf man sich nicht ablenken lassen.“

Im Mai wurden Sie in den Medien als möglicher Sportdirektor vom FC St. Pauli gehandelt. Gab es wirklich Kontakte nach Hamburg?
Becker: „Ich habe schon damals gesagt, dass ich mich zu solchen Spekulationen grundsätzlich nicht äußere.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Becker!

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