Bochum vs Stuttgart: Thorsten Legat über Löw & Gerland

Der Kult-Kicker im Gespräch

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Sonntag, 16.02.2020 | 09:05
Thorsten Legat beim VfL Bochum

Vollblutfußballer Thorsten Legat im Stadion. ©Imago images/Jan Huebner

„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt. Ist es besser viel besser, als man glaubt. Tief im Westen. Tief im Westen. Bochum, ich komm‘ aus dir, Bochum, ich häng‘ an dir…“

Sechs Jahre lang hat Thorsten Legat bei Grönemeyers Hymne vor jedem Heimspiel an der Castroper Straße mitgesungen. Mit voller Kehle und voller Überzeugung.

Und zu keiner Sekunde hat es jemanden gegeben, der es gewagt hätte, Zweifel aufkommen zu lassen, dass es dieser kräftige Kämpfer aus dem Bochumer Stadtteil Werne nicht ehrlich meinen könnte mit dieser Stadt und diesem VfL Bochum. „Der VfL und ich – das war immer eine Einheit, immer Wir-Gefühl, immer eine unzerbrechliche Allianz“, stellt Thorsten Legat gern klar.

Anlässlich des bevorstehenden Topspiels zwischen dem VfL Bochum und dem VfB Stuttgart in der 2. Bundesliga hat Liga-Zwei.de mit Legat ein Gespräch vereinbart. Der VfL und VfB komplettieren in der Karriere des Spezialisten für das Spiel an der linken Außenbahn immerhin ein ganzes Fußballjahrzehnt. So sollte es sich lohnen mit dem in einem stabilen Familienverbund lebenden Thorsten Legat in beiden Aktionsfeldern ein wenig zu stöbern.

Zwar „unabsteigbar“, doch nicht in „Hall of Fame“

Doch dabei fällt uns sofort auf, das Legat seine Beziehung zum VfL Bochum wie eine verflossene Zeit beschreibt. Anders als viele andere Spieler, die zum Beispiel für die Ewigkeit Schalker sind, weil sie dort aufwuchsen oder eben Zeitlang erfolgreich waren. Auch Werderaner existieren zuhauf ein ganzes Leben. Und ehemalige FC-Bayern-, BVB- oder HSV-Stars sind es ebenfalls gern zumeist für immer.

Deshalb haken wir nach und erfahren, dass Thorsten Legat ist zu seinem VfL auf Distanz gegangen ist. Er ist nicht bereit zu verzeihen, dass er in der „Hall of Fame“ der Bochumer Fußball-Tradition keinen Platz gefunden hat. Und so er gibt zu: „Ja, ich bin schwer enttäuscht vom VfL.“ Sechs Spielzeiten lang hat er erfolgreich mitgeholfen, dass der VfL damals noch als „unabsteigbar“ galt. In der Bundesliga war hier ein völlig neues Wort entstanden.

Obendrein begründet Legat seinen Rückzug so: „Beim VfL wird öffentlich immer gern das Familiäre gepriesen. Doch das ist längst Vergangenheit. In Wirklichkeit will  der VfL nichts mehr zu tun haben mit seinen ehemaligen Eckpfeilern und Leistungsträgern. Eine schöne Familie ist das inzwischen.“

„ Vermisse Respekt und Menschlichkeit. ”
über Distanz zu seinem Heimatklub

Obwohl er mit einigen Personen aus den Reihen heutiger VfL-Entscheider einst gemeinsam auf dem Spielfeld aktiv war, vermisst Legat heute Vieles von dem, was ihm wichtig erscheint: „Respekt, Herzlichkeit, Freundlichkeit. Kurzum: Menschlichkeit eben.“

Mit dem Blick in den Rückspiegel seiner Karriere beim VfL konnte aus seiner Sicht allein die Verbundenheit zu zwei seiner damaligen Trainer den Groll unbeschadet überleben. „Beim VfL hatte ich das große Glück, zwei Trainer zu erleben, die meine Fähigkeiten erkannten, die mich als Typ verstanden und mich als Fußballer entscheidend besser machten: Erst Hermann Gerland, dann Reinhard Saftig“, sagt Legat und spricht beide Namen mit einem so forschen und freudigen Unterton aus, als würde er seine beiden besten Freude nennen. Und so wirkt seine Dankbarkeit überzeugend.

Thorsten Legat gegen Michael Kostner

Thorsten Legat (l.) in den Anfängen seiner Karriere (hier gegen Frankfurts Michael Kostner). ©Imago images/Kicker/Eissner, Liedel

Als Legat noch nicht einmal 18 war, warf ihn Gerland einfach hinein in das Stahlbad der Bundesliga. Was Legat heute so beschreibt: „Da wurde es mir erst einmal richtig schwindelig. Das war am Bökelberg und bei Gladbach spielten Cracks wie Lienen, Rahn und Borowka.“

Ja, die Bundesliga war immer schon ein Inner Circle: Mit Borowka spielte Legat später gemeinsam drei Jahre bei Werder. Und Jupp Heynckes, der damals Gladbachs Trainer war, holte Legat später zu Eintracht Frankfurt.

„ Ein Rohdiamant, der alle Spieler begeistert hat ”
über Jogi Löw in seinem ersten Job als Cheftrainer

Auch beim VfB Stuttgart hat Thorsten Legat einen Trainer erlebt, den er ausnahmslos in guter Erinnerung hat. Er spricht von einem „Rohdiamanten, der alle Spieler total begeistert“ habe. Von einem „tollen Motivator, der uns fantastisch gepusht hat.“ Und von einem „großen Strategen, der immer wieder mit spannenden Ideen überraschen konnte.“

Die Rede ist von Jogi Löw. Von ihm profitierte Legat auch schon, als der zunächst noch Assistent von Rolf Fringer war. Und dann vor allem in der Chefrolle. Seiner ersten im großen Fußball. Und Löw war erst Mitte Dreißig.

Thorsten Legat mit Joachim Löw

Thorsten Legat (l.) mit dem „großen Strategen“ und späteren Bundestrainer Jogi Löw. ©Imago images/MIS

Das wollen wir genauer beschrieben haben und so führt Legat weiter aus: „Wir haben schon damals die Viererkette beherrscht. Kein Wunder, wir hatten eine Innenachse mit Berthold und Verlaat. Löw war jung, dynamisch und präzise. Er hat es geschafft, uns für seine Ideen überzeugen.“

Außerdem hat sich bei Thorsten Legat eingeprägt, dass auch die Gestaltung des „Magischen Dreieck“ in Stuttgart primär das Werk des jungen Jogi Löw gewesen sei.

„Magisches Dreieck“ mit Vorlagen gefüttert

Bei diesem Wortspiel gerät Legat schon wieder ins Schwärmen und erzählt mit großem Vergnügen, wie seine Rolle in diesem Fußballspektakel definiert war: „Auch hier hatte Löw vieles tipptopp automatisiert: Laufwege, Kombinationen, Positionswechsel – alle wussten Bescheid, denn alles war genau durchgetaktet. Und ich habe dabei über die linke Seite Dampf gemacht und Bobic, Elber und Balakov mit Vorlagen gefüttert“, erzählt Legat mit einer Begeisterung als habe er dies erst gestern erlebt.

Zweimal ist der VfB mit Jogi Löw als Cheftrainer Vierter geworden in der Bundesliga. Nur die drei Bremer Jahre unter Otto Rehhagel verliefen für Legat erfolgreicher.

Warum er in den 15 Jahren des Profifußballs niemals ins Nationalteam berufen worden ist, versteht Legat bis heute nicht. „Die gesamte linke Außenbahn läuferisch und kräftemäßig so viele Jahre auf höchstem Niveau erfolgreich zu beackern, das ist nicht vielen Spielern so gut geglückt wie mir“, beklagt Legat und verweist dabei speziell auf die drei Spielzeiten bei Werder Bremen mit Europacup-Triumph, der Deutschen Meisterschaft, mit Champions League und DFB-Pokalsieg. „Da hätte es eigentlich klappen können“, sagt Legat und wir spüren, dass er eigentlich „müssen“ meint.

Im Stadion wird Thorsten Legat am Montagabend also nicht anwesend sein. Doch er hat die Absicht, sich das Match im Fernsehen anzuschauen. Und wie er dies erzählt, beschleicht uns irgendwie uns das Gefühl, dass sein Fußballherz trotz aller Zwistigkeiten immer noch für den VfL schlägt.

Denn schließlich werden sie auch wieder kraftvoll anstimmen an der Castroper Straße: „Bochum, ich komm‘ aus dir, Bochum, ich häng‘ an dir…“ Und so wird wohl auch Thorsten Legat zuhause ein wenig zu singen beginnen…

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