Chapeau, Jan Hochscheidt

Die besondere Leistung des 24. Spieltags

Jan Hochscheidt bei Erzgebirge Aue

Weiß, wo es langgeht: Jan Hochscheidt. ©Imago images/Picture Point

Donnerwetter, dieser Jan Hochscheidt hat es wieder einmal allen gezeigt. Er allein lieferte eine ganze Ansammlung an Highlights mit seinem spektakulären Auftritt beim 3:0-Triumph über den großen HSV.

Gerade so, als wenn es ihm bekannt  gewesen ist, dass seine Karriere-Statistik an diesem Tag sein rundes 420. registriertes Match ausweisen würde, hat er mit seinen beiden Treffern auch noch seine Torquote, einem Sahne-Tag so perfekt entsprechend, aufgerundet. Schließlich war auch schon der Auer Führungstreffer Hochscheidts entschlossenem Handeln entsprungen, als er – verfolgt von Hamburger Verteidigern – nur mittels eines Fußtritts kurz vor dem Sechszehner unfair gestoppt werden konnte.

Genau 60 Tore füllen nun seine Vita und wer nun diese beiden jüngsten wie aus einem Guss erzielten Treffer als TV-Zuschauer erlebt hat, der könnte einen Moment lang das Gefühl entwickelt haben, dass er vor einer Videokonserve sitzt und eben diese Treffer von Hochscheidt schon einige Male gesehen hat.

Dieser Eindruck ist selbstverständlich falsch, ist aber – und dies aufzuklären ist unser Anliegen – in gewisser Hinsicht durchaus erlaubt:

Tore wie eine Konserve, doch frisch wie Krabben vor Husum

Denn Jan Hochscheidts punktgenau mit dem rechten Fuß links unten platzierter Schuss zum 2:0 vorbei an Heuer Fernandes sowie sein ebenfalls unerreichbarer Fernschuss mit seinem linken Fuß zum 3:0 sind einerseits so frisch wie der nächtliche Fang eines Krabbenfischers vor Husum, doch anderseits haben Tore der Marke Hochscheidt in genau der gleichen Art und Weise in der Vergangenheit immer wieder schon einmal stattgefunden.

Dahinter stecken ganz besondere Fähigkeiten, die in der Branche durchaus als Klassemerkmale mit dem blonden Spielgestalter und Antreiber des FC Erzgebirge Aue seit vielen Jahren unverwechselbar verknüpft sind. Und die Liga-Zwei.de an dieser Stelle gern einmal zusammenfassen möchte.

Unser Ausgangspunkt ist, dass wir Woche für Woche dies feststellen: Zwar sind alle Fußballer auf zwei Beinen unterwegs, doch zwei gleichgut ausgebildete Beine zum Fußballspielen haben nur ganz, ganz wenige.

Das glauben Sie nicht?

Mit Verlaub: Wir skizzieren dies mit einem kleinen Streifzug durch die Generationen unserer Weltmeister. Hier die 74ziger: War Beckenbauer mit beiden Füßen brillant? Schmarrn. Overath? Nö, ein reiner Linker. Netzer? Um Gottes Willen. Nicht mal Breitner, der als Rechtsbeiner links verteidigte. Hier die 90ziger: Völler? Nein. Litti? Nee. Buchwald: Ach was. Häßler: Nicht mal der. Matthäus? Schon eher. Brehme: Ja, endlich!

Mit perfekter Beidfüßigkeit ein kompletter Spieler. (Ex-Aue-Trainer Daniel Meyer über seinen Ex-Schützling)

Brehme hätte den Elfer zum Titel auch mit seinem linken Fuß schießen können. Denn: Ob links-rechts-links-rechts – dem Andreas Brehme war alles egal. Doch nur dem Brehme und so ist er der einzige echte hundertprozentige Beidfüßler, der es mit Jan Hochscheidt bei diesem Schlüsselthema aufnehmen kann. Auch 2014 in Brasilien finden wir keinerlei Beidfüßigkeit in Perfektion.

Wer mit beiden Füßen gleichermaßen aktiv ist wie Hochscheidt, der hat Vieles mehr zu bieten. Der ist nicht allein als Torschütze dank dieser Besonderheit die Hauptfigur eines Fußballteams. „Diese perfekte Beidfüßigkeit macht Jan zu einem kompletten, zu einem rundum fertigen Spieler“, sagt Daniel Meyer, der die Faszination Hochscheidt gut erklären kann.

Jan Hochscheidt und Daniel Meyer klatschen ab

Daniel Meyer (r.) kennt Hochscheidt genau. ©Imago images/Picture Point

Denn Meyer war in der vorigen Spielzeit sowie noch in den ersten Wochen der laufenden Runde Cheftrainer beim FC Erzgebirge und somit ebenso Nutznießer von der hohen Qualität Hochscheidts wie aktuell sein Nachfolger Schuster. So erleben wir von Liga-Zwei.de einmal, wie inspiriert ein Fußball-Lehrer wirkt, wenn er über einen seiner ehemaligen Leistungsträger eine sportliche Expertise erstellt.

Blitzschnell neue Spielsituationen herstellen. (Nochmals aus der Expertise Daniel Meyers)

„Eine derart komplette Beidfüßigkeit, wie sie Jan verkörpert, macht ihn für seine Kontrahenten auf dem Spielfeld unberechenbar. Denn Jans Bewegungen und Handlungen sind geschmeidig, habe keine Brüche, sind in alle Richtungen möglich und so kann er blitzschnell neue Spielsituationen herstellen, die den Gegner oftmals derart überraschen, dass er darauf nicht mehr rechtzeitig reagieren kann“, erklärt Meyer.

Was Daniel Meyer hier auf den Punkt bringt, macht Jan Hochscheidt seit vielen Jahren zu einem Spieler, der in dieser 2. Bundesliga fußballerisch zuweilen gar unterfordert scheint. Dass er sich abgesehen von einer Spielzeit mit Eintracht Braunschweig nicht dauerhaft im Fußball-Oberhaus durchzusetzen vermochte, zeigt freilich auch hier, dass die fußballerische Qualität eines Spielers nur eine Seite der Medaille darstellt.

Verunsichert nach Aue zurückgekehrt, doch Meyer wusste Rat

Auch dazu äußert sich Daniel Meyer kompetent: „Jan kam nach zwei Ligaverlusten mit Eintracht Braunschweig angeschlagen und verunsichert zurück nach Aue. Er ist ein sensibler Mensch und so braucht er für sein besonderes Fußballspiel sehr viel Selbstvertrauen. Ihn in diesen Idealzustand zu lenken und dort wieder zu stabilisieren, ist uns dann Schritt für Schritt großartig gelungen in Aue.“

Mit seiner schnellen Auffassungsgabe für die jeweilige Situation und seinen beidfüßigen Fähigkeiten ist er zwar auf dem Spielfeld ein Herrscher über Ball und Gegner. Die einen sprechen über ihn als Instinktfußballer, die anderen als Unterschiedsspieler, was alles zweifellos stimmig ist.

Doch als Jan Hochscheidt nach seinem Triumphzug über den großen HSV vor der Kamera des vereinseigenen TV-Projekts steht und wie er dabei Auskunft gibt und sein Erleben schildert, wird deutlich, wie bescheiden, wie sympathisch und bodenständig dieser Fußballer aus Aue seinen großen Auftritt bewertet. Er feiert sich nicht, sondern blickt sogleich schon wieder nach vorn. Und sagt dann eben lieber dies: „Nächste Woche steht für uns schon wieder ein Highlight an und dort wollen wir direkt nachlegen.“

Denn zwar geboren im fernen Trier, dann aber im Schlepptau seiner Mutter nach Königs Wusterhausen vor den Toren Berlins gesiedelt, fußballerisch zwar ausgebildet beim 1.FC Union und vor allem bei Energie Cottbus, so ist Jan Hochscheidt schließlich längst richtig daheim im Erzgebirge. Hier ist er mit seinen 32 Lenzen in jeder Hinsicht angekommen: Hier ist er zweifacher Familienvater inzwischen, hier wird er  in den kommenden Wochen seine siebte Spielzeit beenden und dann noch drei weitere Jahre Vertrag haben.

Und so denkt dieser Jan Hochscheidt eben in seiner bodenständigen Art schon sogleich an das kommende große Sachsen-Duell in Dresden. Das ist wie HSV gegen Pauli. Und somit hat Jan Hochscheidt wohl Recht: Sich darauf zu freuen, macht allemal Sinn…