Erzgebirge Aue: Interview mit Philipp Zulechner

"Das Ziel bleibt der Klassenerhalt."

Philipp Zulechner am Ball für Erzgebirge Aue

Einsatzfreudiger Angreifer: Philipp Zulechner überzeugt bislang in Aue. ©Imago images/Picture Point

Philipp Zulechner hat sich erneut zum FC Erzgebirge Aue bekannt. Am Donnerstag wurde seine Vertragsverlängerung bis Sommer 2023 bekanntgegeben. Mit Liga-Zwei.de spricht der Stürmer vor dem Duell beim VfL Bochum (Samstag 13 Uhr) über den Aufschwung seiner Mannschaft und die Zielsetzung, aber auch über seine Vergangenheit bei Sturm Graz, seine zwischenzeitliche Arbeitslosigkeit und die österreichische Nationalmannschaft.

Herr Zulechner, was macht den FC Erzgebirge Aue in dieser Saison zur Überraschungsmannschaft?
Philipp Zulechner: „Wir haben ein gutes Kollektiv. Man merkt einfach: Jeder kämpft für jeden, jeder läuft für jeden. Wir harmonieren als Mannschaft gut. Das ist gerade bei einem kleinen Verein ganz wichtig, weil man dann oben mitspielen und auch Punkte von den großen Mannschaften klauen kann.“

Halten Sie es für realistisch, dass der FC Erzgebirge Aue im Aufstiegsrennen mitmischen kann?
Zulechner: „Darüber machen wir uns keine Gedanken. Wie schauen von Spiel zu Spiel. Je schneller wir die 40 Punkte geholt haben, desto schneller haben wir die Liga gehalten. Alles, was darüber hinaus passiert, ist sehr positiv. Aber unser Ziel bleibt der Klassenerhalt.“

Spüren Sie dennoch im Umfeld eine gewisse Euphorie aufgrund des erfolgreichen Saisonstarts?
Zulechner: „Natürlich. Auch wir als Spieler kommen mit mehr Freude zum Training, wenn man erfolgreich spielt. Auch die Fans freuen sich, sehen das aber realistisch. Ich habe mit einigen Fans gesprochen, die gesagt haben: Das Wichtigste ist der Ligaerhalt.“

Wir haben kämpferisch noch eine Schippe draufgelegt. (über den Trainerwechsel)

Bereits nach dem dritten Spieltag ereignete sich ein Trainerwechsel. Dirk Schuster übernahm trotz eines guten Saisonstarts das Amt von Daniel Meyer. Welche Aspekte hat Schuster seitdem eingebracht?
Zulechner: „Er hat gar nicht so viel verändert, denke ich. Fakt ist, dass wir kämpferisch noch eine Schippe draufgelegt haben, defensiv sicherer stehen und in der Offensive noch mehr auf Konter setzen. Unterm Strich: Wir sind eine gut eingespielte Truppe. Das hilft uns sehr.“

Demzufolge hat Daniel Meyer einen großen Anteil an der bislang erfolgreichen Saison…
Zulechner: „Sicherlich auch. Und schließlich nimmt man von jedem Trainer etwas mit, entwickelt sich weiter und wird dadurch auch besser.“

Zwei der drei bisherigen Niederlagen ereigneten sich gegen Mannschaften aus der Top-3. In Bielefeld verlor Ihre Mannschaft mit 1:3, in Hamburg mit 0:4. Dafür gab es aber ein 0:0 gegen den VfB Stuttgart. Welche Lehren lassen sich aus diesen Spielen ziehen?
Zulechner: „Ich denke, dass wir mit allen Mannschaften mithalten können. Aber natürlich haben diese Vereine den einen oder anderen Spieler mit einer großen individuellen Qualität, den wir nicht haben. Daher müssen wir umso mehr als Team arbeiten.“

Zu Hause haben wir eine richtige Mauer hinter uns. (über die Fans)

Nun stehen zwei Auswärtsspiele gegen Bochum und Hannover bevor. Bislang gelang auswärts lediglich ein Sieg. Fehlt Aue noch eine gewisse Auswärtsstärke auf dem Wege zur Spitzenmannschaft?
Zulechner: „Ja. Zu Hause haben wir immer eine richtige Mauer hinter uns. Die Fans pushen uns nach vorne. Auch bei den Auswärtsspielen ist zu spüren, dass immer mehr Fans mitfahren und uns unterstützen. Ich denke, wir müssen auswärts noch abgebrühter sein. Manchmal wollen wir in Schönheit sterben.“

Stört es Sie persönlich, in dieser Saison noch kein Tor geschossen zu haben?
Zulechner: „Mich persönlich nervt das natürlich. Ich hatte mir vor der Saison vorgenommen, das eine oder andere Tor zu schießen. Hoffentlich platzt bei mir bald der Knoten. Aber am Ende ist natürlich der Erfolg der Mannschaft das Wichtigste.

Philipp Zulechner im Trikot von Sturm Graz

Zwei Jahre jubelte Zulechner für Graz, ehe seine Zeit dort abrupt endete. ©Imago images/Gepa pictures

Sie haben neun Spiele für den SC Freiburg in der Bundesliga absolviert. Sehen Sie Parallelen zwischen den beiden Vereinen mit dem beschaulichen Umfeld und der medialen Ruhe?
Zulechner: „Ja, mit dem familiären Umfeld gibt es natürlich eine gewisse Ähnlichkeit. Christian Streich lebt das in Freiburg perfekt vor. Die mediale Ruhe tut den Vereinen ebenfalls gut. Gerade für junge Spieler, die sich weiterentwickeln möchten, ist das wichtig. Auch ich persönlich fühle mich sehr wohl und freue mich, dass ich hier bin.“

Trauen Sie Aue vielleicht sogar einen ähnlichen Weg wie den SC Freiburg zu?
Zulechner: „Dazu müsste man weit in die Zukunft blicken. Aber warum nicht? Hier in Aue wird sehr konsequent gearbeitet. Wenn man gut wirtschaftet und seiner Linie treu bleibt, ist alles möglich.“

Warum sieht das keiner? (über seine Zeit als vereinsloser Profi)

Bevor Sie Ende Januar nach Aue kamen, waren Sie über ein halbes Jahr vereinslos und hatten mehr als ein Jahr kein Ligaspiel mehr bestritten. Wie haben Sie die Zeit als arbeitsloser Fußballprofi damals verbracht?
Zulechner: „Ich hatte meine Reha ja noch bei Sturm Graz gemacht und war dann erst nach Ablauf der vergangenen Saison arbeitslos. Zunächst habe ich die Saisonvorbereitung bei einem anderen Bundesligisten in Österreich mitgemacht, später dann bei einem Zweitligisten mittrainiert. Das war sehr locker: Ich konnte frei entscheiden, wann ich kommen möchte.

Das tat mir gut. Ich habe mich sehr unter Druck gesetzt, weil ich einen neuen Verein finden wollte. Ich weiß ja, was ich kann. Daher habe ich mich gefragt: Warum sieht das keiner? Warum gibt mir keiner eine Chance? Ich bin froh, dass ich letztendlich in Aue gelandet bin. Nach der Vereinslosigkeit hatte ich nicht damit gerechnet, noch einmal so einen Verein zu finden.“

Sie hatten in Graz die komplette Rückrunde der Saison 2018 / 2019 aufgrund eines schweren Infektes verpasst. Sie saßen sogar im Rollstuhl. Dachten Sie damals, die Karriere sei beendet?
Zulechner: „Als ich im Rollstuhl saß, bin ich ehrlich gesagt davon ausgegangen, in drei Wochen wieder auf dem Platz zu stehen. Leider zog sich das immer mehr in die Länge. Ich hatte gehofft, dass Sturm Graz mir einen neuen Vertrag gibt, damit ich die Zeit habe, wieder zu regenerieren. Das wurde leider nicht gemacht. Das hatte mich sehr enttäuscht.“

Inwiefern?
Zulechner: „Wenn ich für Graz von Anfang an gespielt habe, hatte ich praktisch immer einen Scorer-Punkt. Ich hatte also bewiesen, was ich kann. Nur aufgrund eines guten Laufes meines Positionskollegen (Deni Alar, Anm.d.Red.) bekam ich nicht so viele Einsätze wie erhofft. Wir haben in Graz nämlich nur mit einer Spitze gespielt. Ich hatte schon erwartet, dass der Verein mir zumindest einen leistungsbezogenen Vertrag anbietet. Aber das geschah leider nicht.“

Letzte Frage: Sie haben im Jahre 2013 ein Länderspiel für Österreich bestritten. Nun hat sich Österreich für die Europameisterschaft qualifiziert. Was trauen Sie der Nationalmannschaft zu?
Zulechner: „Ich denke, dass vieles möglich ist. Es kommen immer mehr Legionäre hinzu. Viele Österreicher spielen in einer starken Liga. Das war vor 15 Jahren noch völlig anders. Ich hoffe, dass es innerhalb der Mannschaft keine Star-Allüren gibt. Dann ist einiges möglich. Da ich unter Nationaltrainer Franco Foda in Graz gespielt habe, habe ich auch einen persönlichen Bezug und werde das verfolgen.“

Herr Zulechner, vielen Dank für das Gespräch!