Hannover 96: Teuchert & die Reise in die Vergangenheit

Insider Dieter Nüssing über die Entwicklung des einstigen Club-Stürmers

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Donnerstag, 05.03.20 | 16:09

Cedric Teuchert jubelt nach Tor für den 1.FC Nürnberg

Steht vor einem besonderen Spiel: Ex-Clubberer Cedric Teuchert gastiert am Freitag mit 96 in Nürnberg. ©imago images/Eibner

Selbstverständlich wird die komplette Familie aus Coburg anreisen und im Max-Morlock-Stadion auf der Tribüne Position beziehen. Klar auch, dass viele Freunde, viele ehemalige Teamkollegen kommen werden, um die Daumen zu drücken oder einfach mal wieder Hallo zu sagen. Und auch Dieter  Nüssing, Ur-Clubberer voller Herzblut und Tiefgang, wird am Freitagabend eine günstige Gelegenheit abwarten, um seinen langjährigen Schützling mal wieder in den Arm zu nehmen.

Es geht um die Rückkehr von Cedric Teuchert in die fußballerische Heimat. Teuchert ist 23 Jahre alt jetzt und kommt nun zurück als Angriffsspieler von Hannover 96. Doch als er gerade zwölf war, haben ihn Nüssing und sein damaliges Talentescoutingteam in Coburg aufgestöbert und an den Valznerweiher in ihr Nachwuchsleistungszentrum geholt.

Neun Jahre ist er geblieben, ist in sämtlichen Bereichen gewachsen beim Club und obendrein – dem positiven Einfluss früherer Clubberer wie Rainer Zietsch und Christian Wück in ihren Funktionen als DFB-Mitarbeiter sei Dank – in sämtlichen Auswahlteams des DFB gefördert worden.

Mit 17 Jahren Feuertaufe dank Valerien Ismael

Als Valerien Ismael, der aktuell sensationell in Österreich mit dem Linzer AK Tabellenerster ist und in der Europa League nun auf Manchester United trifft, 2014 den damals erst 17-jährigen linksbeinigen und „brutal schnellen Draufgänger“ (so Nüssing) aus der Rosen- und Europastadt Coburg hinein in den hammerharten Wettbewerb der 2. Bundesliga wirft, erlebt der junge Kerl die Irrungen und Wirrungen des Geschäfts sogleich in voller Härte.

Cedric Teuchert debütierte, doch er verlor auf der ganzen Linie. Erst das Match, dann den Trainer. Der war zuvor bei 96 und beim VfL Wolfsburg jahrelang geübt darin, Talente zu erkennen und zu fördern. Doch weil es beim Club jetzt bedrohlich ruckelte, wurde Ismael gefeuert. Dumm für Teuchert und man kennt das: Wenn die Seele schmerzt, reißen Bänder und Muskeln. So auch bei Teuchert: Mal war es das Knie, mal die Muskeln, die Bänder oder Hüfte – Teuchert brauchte zwei Jahre bis zu seiner nächsten Bewährung, die ihm nun René Weiler zu geben bereit war.

Dieter Nüssing auf Bank des 1.FC Nürnberg

Freut sich auf das Wiedersehen mit Cedric Teuchert: Ur-Clubberer Dieter Nüssing. ©imago images/Zink

Dieter Nüssing rechnet nicht mit Pfiffen

Mit einer Mischung aus Frühreife und Unbekümmertheit begeisterte Teuchert, inzwischen 19, mit seinen forschen Tempodribblings und rasanten Treffern jetzt verlässlich und eindrucksvoll. In der Fangemeinde des Clubs stieg er nun zwei Jahre lang zu einem besonders beliebten Hauptdarsteller des ersten Deutschen Meisters in der Geschichte der Fußball-Bundesliga auf.

Deshalb ist sich Dieter Nüssing sicher, dass es am Freitagabend im Match gegen Hannover 96 aus diesen Reihen keinen einzigen Pfiff gegen Cedric Teuchert geben wird. „Unsere Fans vergessen nicht, wieviel Freude er ihnen mit seinem Volldampf-Fußball gemacht hat.“

Aber die Fallstudie dieses beim Club so großartig ausgebildeten und beim DFB immer verlässlich geförderten Vollblutangreifers ist ein trefflicher Beweis dafür, dass vieles punktgenau stimmig sein muss, um eine Karriere unfallfrei auf den Weg bringen zu können. Gemeint sind die eigene Einstellung zum Profifußball, die Stabilität des eigenen Körpers, das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit sowie die Achtsamkeit und der standhafte Zuspruch jener Personen, die über ein sportliches Schicksal entscheiden.

Auf Schalke viele Vorschusslorbeeren

„Bei Cedric Teuchert passte bisher wahrlich nicht alles punktgenau zusammen, wenn es darauf ankam“, sagt Nüssing. Seit Jahrzehnten ist ihm der Umgang mit besonders Hochbegabten vertraut.

Im Januar 2018, Teuchert war soeben 21 geworden, holte ihn Christian Heidel in Nürnberg ab, um mit ihm direkt ins spanische Wintercamp des FC Schalke 04 zu reisen. Schalke 04 hatte alles Finanzielle geregelt mit dem Club und Teuchert mit einem dreieinhalb Jahre langen Vertrag voller Vorschusslorbeeren ausgestattet. „Ein eingebautes GPS-System für Tore” bemerkte Domenico Tedesco vollmundig, als der junge Mann aus Nürnberg den Schalker Medienvertretern vorgestellt wurde.

Das ist erst zwei Jahre her, doch längst schon wieder Geschichte in der Karriere dieses so hochbegabten Angreifers, der so gern mit der Wucht eines Vorschlaghammers die Viererketten gegnerischer Abwehrformationen zu durchbrechen bereit ist. Doch hat er für solche spektakulären Befehle seines Verstandes überhaupt den geeigneten Körper? Auch der jüngste Jochbeinbruch als Stürmer von Hannover 96 bestätigen derweil Zweifel.

Profifußball ist kein planbares Unterfangen

So ist das Leben eines jungen Profifußballers ist kein planbares Unterfangen, dies hat auch Teuchert erfahren müssen. Als er auf Schalke anheuerte, berichtete er in einem Gespräch mit dem klubeigenen TV-Projekt über seinen großen Wunsch: Echte Rückendeckung brauche er,  spürbares grundlegendes Vertrauen und einen glaubwürdigen Zuspruch. Ja, alles dies hatte er sich gewünscht, doch wenn der Erfolg ausbleibt, haben Entscheidungsträger allein mit sich selbst zu tun. Man kennt das.

„ Wenn er am Ende 15 Tore auf dem Konto hat, holt ihn Schalke doch noch für einen Neuanlauf. ”
Dieter Nüssing

Was ihn mit Schalke 04 aktuell noch verbindet, ist ein weiteres Vertragsjahr bis 2021. Mehr nicht. „Auf Schalke war’s ein Scheißjahr mit wenig Spielzeit”, stellte Teuchert bei seiner Vorstellung in Hannover ungeschminkt fest. Eine sportliche Rückkehr erscheint eher unwahrscheinlich.

Es sei denn, es käme doch alles wieder anders. Was Dieter Nüssing immer noch keineswegs ausschließen möchte. „Wenn er bei Hannover 96 am Ende 15 Tore auf seinem Konto hat, dann holen ihn die Schalker doch noch einmal für einen Neuanlauf“, sagt Nüssing und wir von Liga-Zwei spüren, wie sehr er diesem „feinen Kerl“ diesen Triumphmarsch noch gönnen würde.

Doch es stehen erst fünf zu Buche und nur noch zehn Spiele Zeit. Wollte Nüssing Recht behalten, müsste er freilich akzeptieren, dass Teuchert schon am Freitagabend gegen seinen Club loslegt. Nun, das möchte der Nüssing wohl auch wieder nicht. Dazu ist er viel zu sehr Clubberer…

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