KSC vs HSV: Die Hand des Teufels & ihre Folgen

Jens Todt & Jonas Meffert über den fatalen Gräfe-Pfiff

Schiedsrichter Manuel Gräfe pfeift bei Spiel KSC vs HSV Freistoß

Das pure Entsetzen. Dieser Freistoß-Pfiff von Manuel Gräfe verwehrte dem KSC 2015 den Bundesliga-Aufstieg. ©imago images/Sven Simon

Nun sind sie also doch wieder präsent. Diese lästigen Erinnerungen. Diese Fragen von damals. Diese fatalen Was-wäre-gewesen-wenn-Spekulationen. Eine sehr traurige Erfahrung haben sie gemacht damals, die Fußballer des Karlsruher SC. „Damals – das war der 1. Juni 2015“, sagt Jens Todt mit einer Präzision, als sei dies der Geburtstag seines geliebten Sohnemanns. Doch das Gegenteil war und ist der Fall, wenn sich der damalige Sportchef des KSC an diesen Fußballtag erinnert.

Der heutige Videobeweis hätte Gräfe damals korrigiert (Jens Todt)

Es ging um den letzten verbleibenden Platz in der 1. Bundesliga für die Spielzeit 2015/16. Der Wildpark war programmiert, Fußballgeschichte zu schreiben. Der KSC wollte endlich wieder rauf, der HSV auch diesmal noch nicht runter. Schon wenige Tage zuvor in Hamburg war viel mehr drin als ein 1:1: der KSC das bessere Team, Punktsieger, doch die Belohnung gelang nicht.

Das, was dann in Karlsruhe die Entscheidung damals herbeigeführt hat, bezeichnet Jens Todt im Gespräch mit Liga-Zwei.de auch über vier Jahre danach noch so: „Das war die größte Enttäuschung in meinem Leben mit dem Fußball.“ Todt hat viel erlebt: Als kluger Kopf im Mittelfeld war er rund 300-mal in der Bundesliga aktiv. In Freiburg, Bremen und Stuttgart. Nationalspieler war er auch. Sogar beim legendären EM-Triumph und Bierhoff-Golden-Goal 1996 auf der Reservistenbank.

Der Groll von damals trägt einen Namen. Den Namen Gräfe. Schiedsrichter Gräfe. Der bewertete den Schuss eines Hamburger Spielers (Rajkovic) an den Körper eines Karlsruher Spielers (Meffert) und wollte erkannt haben, dass der arme Meffert diesen Schuss mit seinem Arm aufgehalten habe.

„Der heutige Videobeweis hätte Gräfe damals korrigiert“, meint Todt und wirkt dabei immer noch derart angefasst, dass es plötzlich wieder zweifelhaft erscheint, ob Todt, wie er einzulenken versucht, inzwischen wirklich „meinen Frieden geschlossen habe mit Gräfe und der Sache damals.“

Entsetzt. Für Jens Todt war die Gräfe-Hand die größte Enttäuschung seines Fußballer-Lebens. ©imago images/Revierfoto

Geburtsstunde der Hand des Teufels

Diese „Gräfe-Hand“ geriet an diesem Fußballtag zum großen, späten Glück des HSV. Der KSC lag 1:0 vorn, niemand schien dem KSC die Bundesliga noch nehmen zu können. Der musste allenfalls noch ein paar Sekunden in der Nachspielzeit durchhalten. Doch dann zwiebelt ein bis dato kaum einmal in Erscheinung getretender HSV-Spieler (Diaz) dieses „Freistoßgeschenk“ (so titelte BILD damals) perfekt getreten in den äußersten Winkel des KSC-Gehäuses.

Der große Maradona hat sich einmal für einen mit der Hand erzielten Treffer in einem WM-Match damit entschuldigt, dass „die Hand Gottes“ über Recht und Unrecht entschieden habe. Analog dazu muss Jonas Meffert die fatale Sichtweise des damaligen Unparteiischen als „Hand des Teufels“ wahrgenommen haben.

Es hat lange sehr wehgetan. Auch in der anschließenden Spielzeit noch (Jonas Meffert)

Heute wie damals beteuert auch Meffert gegenüber Liga-Zwei.de dies: „Der Ball prallte genau dort gegen meinen Körper, wo ich meine Arme fest an mich presste. Ich presste bewusst, um die Abwehrfläche nicht zu vergrößern.“ Das war und ist regelkonform und nicht strafbar – damals wie heute. Die Spielminuten 91 bis 120 verliefen für den HSV — getragen von diesem Glück — wie im Traum, für den KSC gerieten sie zu einem Trauma.

Als Nicolai Müller nach 115 Spielminuten zum 2:1 und so zum neuerlichen Bundesliga-Erhalt im Nachsitzen traf, brachen bei den Karlsruhern Welten zusammen. Auf dem Spielfeld und auf den prallgefüllten Rängen. „Das Schlimmste an alledem war, dass alles bereits zum Greifen nahe war. Und dass die Menschen in Karlsruhe am Ende doch noch so furchtbar enttäuscht worden sind“, erinnert sich Meffert und gibt weiter zu: „Es hat lange sehr wehgetan. Auch in der anschließenden Spielzeit noch.

Schmerzhafte Folgen

Auch Fußballer haben sensible Seiten: Wenn die Seele schmerzt, reißen mitunter Muskeln und Bänder. So geschehen bei Meffert, der so danach noch einige Zeit nicht so recht zurück in die Spur fand.

Das ganze Ausmaß kam dann eine weitere Spielzeit später ans Tageslicht. Der KSC verlor die 2. Bundesliga, denn „das Team war zwei Jahre lang überpowert“, sagt Jens Todt. Auch die Karriere des Sportchefs geriet ins Ruckeln. Erst beim KSC, dann – wie kurios – ausgerechnet beim HSV. Das neue Fußballglück wird sich finden. Jonas Meffert ist bereits mittendrin.

Als verlässliche Führungskraft bei Holstein Kiel. Vor einem Jahr hat er mit seinen Kielern beim HSV 3:0 gewonnen und dabei die Führung besorgt. „Ja, das war wohl meine kleine persönliche Abrechnung mit dem HSV“, bemerkt Meffert lachend. Die große Revanche findet nun tatsächlich auf jener Bühne statt, die beide Vereine damals nicht wollten: In der 2. Bundesliga.

Der HSV mag sie immer noch nicht, der KSC inzwischen wieder sehr. Denn am Wildpark hinterließ die „Hand des Teufels“ prägende negative Einflüsse, die 2017 in den Abstieg in die 3. Liga eskalierten. Ein Jahr später erwischte es dann auch den HSV. Ein paar Jahre zu spät, meinen viele Begleiter des Fußballs. Nicht allein die des KSC.

Das erste Revival dieses Aufreger-Duells gerät nun freilich nicht mehr zu einer Revanche der Betroffenen sondern allein der Klubs. Allein Karlsruhes Abwehrchef Gordon ist noch an Bord. Und Gräfe wird die Neuauflage auch nicht leiten können. Denn der hinkt mit seiner aktuellen körperlichen Verfassung noch den Anforderungen der Fitness-Controller des DFB hinterher.

Wir sind überzeugt: Im Lager des KSC wird ihn niemand vermissen…

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