Kurt Jara: „Viele Neuerungen gibt es nicht.“

Der frühere Profi des MSV und Trainer des HSV im Interview

Kurt Jara war von 2001 bis 2003 Trainer des HSV

Nach Kurt Jara (im Bild) hielt sich nur ein Trainer länger als zwei Jahre beim HSV: Thomas Doll. ©Imago/Weckelmann

Der gebürtige Innsbrucker Kurt Jara machte vor allem außerhalb Österreichs Karriere. Nach seiner ersten Auslandsstation in Valencia kam der zweifache WM-Teilnehmer 1975 zum MSV Duisburg, wo sich der Mittelfeldspieler in die Herzen der Fans kickte. Als Trainer war der HSV eine seiner Stationen. Unter ihm kamen die Hamburger in der Saison 2003/2004 auf den vierten Platz. Vor dem Duell MSV gegen HSV sprach Liga-Zwei.de mit ihm über sein heutiges Verhältnis zum MSV Duisburg, die junge Trainer-Generation und die Besonderheiten in Hamburg.

Herr Jara, Sie waren in Ihrem Fußball-Leben in Österreich, Spanien, Deutschland, Griechenland und der Schweiz unterwegs. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?
Kurt Jara: „Überall, es hatte alles seinen Reiz. Fußballerisch war sicherlich Deutschland ein Highlight, auch Spanien, obwohl ich damals noch relativ jung war und nicht viel wusste. Aber Deutschland war sicherlich von den Stadien, von den Zuschauern her ein Highlight.“

Sie spielten in den 70er-Jahren beim MSV Duisburg in der Bundesliga. An was aus der Duisburger Zeit erinnern Sie sich besonders gerne zurück?
Jara: „Daran, dass wir den Uefa-Cup erreicht haben, dort im Halbfinale waren und dass wir nie abgestiegen sind, obwohl wir immer als Abstiegskandidat gehandelt wurden; im Nachhinein, dass ich in die Jahrhundert-Elf gewählt wurde.“

Mein Grundsatz war, die Spieler als erwachsene Leute zu behandeln. (über seine Prinzipien als Trainer.)

Welche Verbindungen haben Sie noch zum MSV?
Jara: „Der MSV schreibt mir zu jedem Geburtstag, das ist wunderschön und freut mich. Sonst gibt es aber sehr wenig Bindung, es sind ja alles neue Leute dort. Ich war mal dort zum Geburtstag von Ennatz Dietz und als die Jahrhundert-Feier war. Sonst komme ich relativ wenig in den Westen Deutschlands.“

Später arbeiteten Sie lange als Trainer. Was waren Ihre wichtigsten Grundsätze bei der Arbeit mit Mannschaften?
Jara: „Mein Grundsatz war immer, die Spieler als erwachsene Leute und Familienväter zu behandeln, nicht wie Schuljungen. Ich wollte nie den Trainer herauskehren, sondern wirklich mit der Mannschaft zusammenarbeiten. Ich war der Meinung, nur so kann man Erfolg haben.“

Es wird heute viel über die junge Trainergeneration gesprochen. Was machen die Jungen denn tatsächlich anders oder besser als die ältere Trainer-Generation?
Jara: „Ob sie es besser oder schlechter oder was weiß ich was machen, kann ich nicht sagen. Es gibt junge Trainer, die Erfolg haben, es gibt junge Trainer, die keinen Erfolg haben, genauso wie es bei den Älteren war. Wir waren ja auch alle irgendwann mal junge Trainer.

Wir haben auch nicht erst mit 60 angefangen, sondern waren 35, 36 als wir angefangen haben und mussten noch unseren Weg machen. So ist es heute auch. Heutzutage ist einfach das Geschäft noch kurzlebiger als damals. Damals hatte man vielleicht ein bisschen mehr Zeit. Wenn man heute drei Spiele verliert, wird man schon in Frage gestellt. Ob man dann ein jüngerer Jahrgang oder ein älterer ist, ist egal.“

Das Spiel ist einfach viel schneller geworden. (über Entwicklungen im Fußball.)

Mit der Erfahrung aus über 40 Jahren: Wieviel Neues gibt es denn wirklich noch im Fußball?
Jara: „Viele Neuerungen gibt es nicht. Das Spiel ist einfach viel schneller geworden, viel intensiver. Die ganzen Umstände, die medizinische Betreuung, die Trainingslehre sind schon besser als vor 40 Jahren. Es gibt jetzt für jeden Bereich einen Spezial-Trainer. Die Medienpräsenz ist gegen früher nicht nur drei Mal so hoch, sondern zehn bis fünfzehn Mal so hoch. Dadurch hat sich das Spiel und auch das Leben der Spieler und Trainer total verändert. 

Taktisch gibt es immer mal wieder Varianten. Heute wird viel mit der Dreierkette gespielt, früher hat man Viererkette gespielt. Wichtig ist aber heute, dass die Spieler zu hundert Prozent fit sind, sich in den Dienst der Mannschaft stellen, bei Ballverlust den Ball so schnell wie möglich zurück erobern wollen. Das war früher auch schon so, nur ist es heute intensiver geworden, weil die Spieler durch die ganzen Umstände im körperlichen Bereich besser sind. Dadurch muss das technische Rüstzeug noch besser sein, weil man viel weniger Zeit hat.“

Kurt Jara als Spieler des MSV Duisburg

Für den MSV Duisburg bestritt Kurt Jara 189 Spiele. ©Imago/Horstmüller

Obwohl das Geschäft schnelllebiger wurde, waren Sie beim HSV immerhin zwei Jahre Trainer, so lange hielten sich wenige Ihrer Nachfolger. Warum ist die Trainer-Arbeit in Hamburg so anspruchsvoll?
Jara: „Hamburg hat auf Grund seiner Vergangenheit immer wieder Ansprüche. Hamburg ist auch eine der größten Städte in Deutschland und die Leute haben den Anspruch, immer in der Spitze mitzuspielen. Die Medienpräsenz ist sehr hoch. Wenn der Erfolg dann nicht da ist, ist man relativ schnell unzufrieden. Wenn der Erfolg aber da ist, ist man sehr schnell euphorisch. Das ist das große Problem in Hamburg. 

Aber ich muss sagen, ich habe mich in Hamburg sehr wohl gefühlt, es ist eine wunderschöne Stadt. Zum Fußball und dem HSV braucht man nichts zu sagen. Das Stadion ist immer voll, sogar in der zweiten Liga mit einem Schnitt von 50.000. Leider lebt der Fußball in Hamburg momentan nur in der zweiten Liga, aber ich hoffe, nächstes Jahr wieder in der ersten Liga.“

Ich habe mich in Hamburg sehr wohl gefühlt. (über seine Zeit beim HSV.)

Welchen Einfluss haben die Vereinsstrukturen auf die sportliche Kontinuität?
Jara: „Da habe ich nicht so viel Einblick gehabt und mich auch nicht darum gekümmert. Als Fußballtrainer schaut man nicht nach den Strukturen des Vereins, sondern man schaut, wie die Mannschaft läuft und funktioniert. Man setzt sich dann mit seinem sportlichen Leiter oder Sportdirektor auseinander.

Ich will keine Vereinspolitik machen. Das müssen andere Leute machen, der Aufsichtsrat oder sonst wer, aber nicht der Trainer. Das war immer meine Devise. Für mich war immer wichtig, was die Mannschaft auf den Platz bringt und nicht, was da vereinspolitisch passiert.“

Was würden Sie einem Trainer raten, der vor einem Engagement in Hamburg steht?
Jara: „Zu gewinnen (lacht). Das ist das wichtigste in Hamburg. Wenn man gewinnt, hat man Ruhe und Zeit, am besten jedes Spiel. Dafür muss man aber auch gut arbeiten, das kommt nicht von alleine. Man muss schauen, dass man eine gute Mannschaft zusammenstellt mit dem Sportdirektor und von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde dafür arbeiten, dass die Mannschaft Erfolg hat.“

Das ist für mich als Ausländer außergewöhnlich. (über die Wahl in die Jahrhundert-Elf des MSV.)

Am Freitag trifft der MSV auf den HSV. Ist es für Sie ein besonderes Spiel?
Jara: „Sicherlich. Duisburg war meine erste Station in Deutschland, wo ich mich als Spieler sehr wohl gefühlt habe und wie gesagt in die Jahrhundert-Elf gewählt wurde. Das ist für mich als Ausländer ja auch außergewöhnlich. Hamburg war meine erste Trainerstation in Deutschland, daran hänge ich auch sehr.

Ich habe schon gesagt, für mich persönlich wäre das beste Ergebnis ein Unentschieden. Aber die zwei Vereine werden damit nicht zufrieden sein, denn die Hamburger brauchen die drei Punkte vorne und der MSV Duisburg gegen den Abstieg.“

Der MSV ist eine Mannschaft für die zweite Liga. (über das Potential des MSV Duisburg.)

Auch wenn Sie sich ein Unentschieden wünschen, was glauben Sie, wie wird das Spiel ausgehen?
Jara: „Hamburg ist natürlich Favorit. Wenn man die Mannschaft sieht, ist sie absolut erstligatauglich von den Namen her. Der MSV ist jetzt in der zweiten Liga und ist auch eine Mannschaft für die zweite Liga.

Sie müssen einfach drinbleiben und der HSV muss einfach aufsteigen. Der MSV hat die letzten Spiele nicht so schlecht gespielt, aber immer hoch verloren und das zehrt natürlich an den Nerven. Der HSV ist Favorit, aber man weiß ja wie es ist.“

Was haben Sie seit Ihrem letzten Posten bei RB Salzburg 2006 gemacht?
Jara: „Ich habe nichts mehr gemacht. Ich schaue sehr viel Fußball und gehe oft zum Fußball, speziell hier in Spanien, spiele Golf, genieße meine Freizeit und meinen Ruhestand. Am Mittwoch war ich in Valencia zum Champions League Spiel. Valencia hat sehr gut gespielt gegen Manchester United, das sehr gute Spieler hat, aber meiner Meinung nach keine Mannschaft ist.“

Herr Jara, vielen Dank für das Gespräch!

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