Chapeau, Sven Schipplock

Die besondere Leistung des 29. Spieltags

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Montag, 01.06.2020 | 12:29

Sven Schipplock bei Arminia Bielefeld

Seit dem Spiel gegen Wehen Wiesbaden ist Sven Schipplock eine wichtige Alternative. ©Imago images/Dünhölter SportPresseFoto

Spiel, Satz, Sieg – Aufstieg in die Bundesliga? Der DSC Arminia Bielefeld sammelt seine Punkte immer vielfältiger, immer spektakulärer, immer genauer. Ja, Arminia ist Klos, Arminia ist Voglsammer, Arminia ist Ortega, Arminia ist ein Muster an Gemeinschaft und vor allem ist Arminia Uwe Neuhaus.

Beim jüngsten Sekundensieg in Kiel ist ein weiterer Armine aufgestiegen in die Reihe der Protagonisten, die ihren Bielefelder Fußballtraum immer entschlossener, immer unaufhaltsamer zu realisieren scheinen: Sven Schipplock feierte eine Art Wiederauferstehung als Hoffnungsträger, Torschütze und gar Matchwinner.

Seit zwei Jahren ist der Mann mit Nr. 36 auf seinem blauen Arminia-Trikot auf der Bielefelder Alm beschäftigt. Doch seit zwei Jahren plagt ihn der Fluch, einer im Profifußball unverzeihlichen Anfälligkeit für Verletzungen. Treffer für die Arminia in der 2. Bundesliga? Gelegenheiten, herauszutreten aus dem Schatten der Kollegen Klos und Voglsammer?  Schlagzeilen mit dem Namen Schipplock? Seit zwei Jahren komplett Fehlanzeige.

Mit dem Überblick eines ausgebildeten Zentrumstürmers

Doch jetzt ist das anders, plötzlich sogar völlig anders: Als Arminias Spielgestalter, das ist Marcel Hartel mit der Rücken-Nr. 30, aus halblinker Mittelfeldposition den Ball mit seinem rechten Bein weit hin zum Tor in den Fünfmeterraum zirkelt, erkennt Schipplock mit dem ganzheitlichen Überblick des perfekt ausgebildeten Zentrumstürmers, dass Kiels Torwart wie von einer Uhu-Masse fixiert auf der Torlinie verharrt, obwohl die Flugbahn des Balles zu einem Wegfausten des Balles einladen musste.

Schipplock sprintet und fliegt also in diese lange Flugbahn und ist zwischen Kiels Abwehrspezialisten Wahl und van den Bergh in der Lage,  in der vierten Minute der Nachspielzeit den Ball per Kopf zum Matchball und zu einem riesigen Sprung in Richtung Eliteliga des deutschen Fußballs zu nutzen. Für Flankengeber Hartel war dies schon die zehnte Torvorbereitung. Für Schipplock indes die Premiere als Torschütze.

Überschäumende Freude

Wer wie Sven Schipplock dieses unerträgliche Defizit an persönlicher Anerkennung so lange herumschleppen musste, mit dem dürfen dann eben auch sogleich einmal die Gäule durchgehen. Ja, der darf dann auch im Taumel überschäumender Freude sein Trikot, das mit der Nr. 36, spontan über den Kopf ziehen und wie eine Fahne schwenkend über das Spielfeld treiben. Gefolgt vom Dank der Kollegen, die ihm sonst stets die Chance des Ruhms wegzunehmen pflegen, weil sie verdammt gut sind seit anderthalb Jahren. Seit Uwe Neuhaus dort Trainer ist.

Vor acht Jahren um diese Zeit hat Ranisav Jovanovic in der Relegation gegen Hertha BSC und Otto Rehhagel das Aufstiegstor für Fortuna Düsseldorf erzielen können. Als dem linksbeinigen 190-Meter-Angreifer  in der pickepacke vollen Düsseldorfer Fußballl-Arena dieser Kopfball zum 2:1 ist, gipfelte auch sein Jubellauf damals in einem unvergesslichen Oberkörper-Striptease mit Sixpack-Anblick.

„ Die ganze Welt umarmen und das Glück teilen zu wollen. ”
Aufstiegstorschütze Jovanovic erklärt das Phänomen des Oberkörper-Striptease

Jovanovic, heute Mitarbeiter des Ausrüsters „Umbro“, weiß also noch ziemlich gut, was mit einer Stürmerseele in jenem Augenblick passiert, in dem sie einen so eminent bedeutenden und überwältigenden Torerfolg zu verarbeiten hat.

Und deshalb erinnert sich auch „Rani“ Jovanovic noch so genau daran, als habe er dies erst gestern erlebt: „Die Art und Weise, wie ein Torschütze diesen Moment des Triumphs auslebt, ist nicht zu planen. Das geschieht alles unterbewusst. Wie im Rausch bin ich gerannt, habe geschrien, habe mit den Armen herumgefuchtelt und plötzlich hatte ich mein Hemd in der Hand. Das ist Emotion, spontan, die Energie purer Freude. Das ist die Symbolik, die ganze Welt umarmen und das große Glück teilen zu wollen. Zuschauer  am Fernseher kennen das doch in einer reduzierten Form ebenfalls: Wenn ein Tor begeistert, dann reißt es einen doch sogar daheim auch dem Sessel.“

Jetzt also ist Sven Schipplock mit dieser frischen Parallelerfahrung, als Held eines existenziellen Torerfolges festgehalten zu werden, endlich angekommen im Herzen des DSC Arminia, seiner Anhängerschaft und dieser fußballbegeisterten Region. Endlich und gerade noch rechtzeitig. Nach langen Plagen mit den Folgen der Verletzungen an Knie und Hüfte für Körper, Geist und Seele.

Im Pendelverkehr zwischen Labbadia, Gisdol und Frings

31 Jahre alt ist Schipplock inzwischen. Aufgewachsen in Reutlingen, dem Tor zur Schwäbischen Alb. Als Fußballer ausgebildet beim VfB Stuttgart. Dort Juniorenmeister, Drittliga-Torjäger und vor zehn Jahren Bundesliga-Einsteiger unter Bruno Labbadia. Dann in Hoffenheim eine Zeitlang feste Stürmergröße unter Markus Gisdol.

Als Labbadia Trainer des HSV war, wollte er nochmals mit Schipplock arbeiten und so überwies der HSV sogar drei Millionen Euro Transferentschädigung ins Hopp‘sche Fußballcamp nach Sinsheim. Vom HSV wechselte Schipplock, der Angreifer mit präsenter Körperlichkeit, für eine Spielzeit als Leasingkicker nach Darmstadt in Tagen fußballerischer Erstklassigkeit.

Torsten Frings

Trosten Frings hat Sven Schipplock in guter Erinnerung. ©Imago images/Jan Huebner

Dort erzielte Schipplock übrigens seinen letzten Ligatreffer. Der Gegner war Borussia Mönchengladbach und der Torwart, den er überlistete: Yann Sommer. Sein Trainer war Torsten Frings. Der bringt die Erinnerungen an seinen damaligen Mittelstürmer gegenüber Liga-Zwei.de heute so auf den Punkt: „Was ich an Schippe super fand, war, dass er trotz seiner totalen Torflaute immer im Training Vollgas gegeben hat und sich auf diese Weise immer wieder aufs Neue Einsatzchancen verdient hat. Wenn er spielte, war er nie egoistisch sondern hat sich stets vorbildlich in den Dienst der Mannschaft gestellt.“

Was damals auch Torsten Frings nicht ahnte: Das letzte persönliche Fußballglück des Sven Schipplock war damals nur von kurzer Dauer. Und schlimmer noch: Die beschriebene Torflaute dauerte danach noch viel, viel länger. Die Terminstatistik zeigt, dass dieser letzte Schipplock-Treffer aus Fußballzeiten, die vor Arminia Bielefeld liegen, 1106 Tage her ist.

Denn der Pendelverkehr zurück zum HSV diente allein dem Zweck der Vertragserfüllung und bescherte Schipplock die bitterste sportliche Erfahrung: Den Abstieg aus der Bundesliga mit dem großen HSV.

Doch nun hat er sich tatsächlich fürs erste spektakulär zurückgemeldet. Als Backup, Joker, Matchwinner und Jubler im Stile der Chippendales.

Einen Bundesliga-Aufstieg hat Sven Schipplock übrigens noch nie miterlebt. Auch für dieses Karriere-Highlight also ist es höchste Zeit und nun dank seines Treffers scheint es zum Greifen nahe …