SV Darmstadt 98: Interview mit Immanuel Höhn

"Wir rennen nicht mit gesenkten Köpfen herum"

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Freitag, 09.03.2018 | 17:54
Immanuel Höhn vom SV Darmstatdt 98

Zuversichtlich im Abstiegskampf: Immanuel Höhn glaubt an die Lilien. ©Imago/Jan Hübner

Letzte Saison spielte Immanuel Höhn mit dem SV Darmstadt 98 noch in der Bundesliga gegen Mannschaften wie Borussia Dortmund und RB Leipzig. Nun kämpft der Verein gegen den Absturz in die 3. Liga. Der Auswärtssieg bei Dynamo Dresden vom vergangenen Freitag gibt immerhin Rückenwind. Das Heimspiel gegen den FC Ingolstadt (Samstag, 13 Uhr) bietet die nächste Gelegenheit, wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt zu holen.

Im Liga-Zwei.de-Interview spricht Verteidiger Immanuel Höhn über den Abstiegskampf und den schweren Spielplan, aber auch über Shooting-Star Joevin Jones und seinen Ex-Trainer Christian Streich.

Herr Höhn, der SC Paderborn wurde direkt von der Bundesliga in die 3. Liga durchgereicht. Warum passiert das dem SV Darmstadt nicht?
Immanuel Höhn: „Wir sind in den letzten Spielen gut in den Tritt gekommen, haben hart gearbeitet und gute Spiele abgeliefert. Oft haben nur die Ergebnisse gefehlt. Aber wenn wir weiterhin so arbeiten, bin ich davon überzeugt, dass wir die Punkte holen werden. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass uns das nicht passieren wird.“

Wie konnte der SV Darmstadt überhaupt in diese schwierige Situation gelangen, nachdem der Saisonstart so positiv verlief?
Höhn: „Wir hatten in der Hinrunde einige Spiele, in denen wir in der 90. Minute noch den Ausgleich oder die Niederlage kassiert haben. Wäre uns das in drei, vier Spielen nicht passiert, würden wir nun im gesicherten Mittelfeld stehen.

Aber im Fußball zählt der Konjunktiv nicht. Manchmal gerät eine Mannschaft eben in eine Negativschleife. Dann ist es schwierig, wieder herauszufinden. Aber der Sieg in Dresden war ein wichtiger Schritt dorthin. Nun müssen wir nachlegen.“

„ Druck musst du als Fußballspieler aushalten können. ”
über die aktuelle Situation

Was macht diese Angst vor dem Abstieg mit einem Spieler? Betritt man das Spielfeld mit dem Gedanken, bloß keine Fehler machen zu dürfen?
Höhn: „Natürlich ist die Situation einfacher, wenn man oben mitspielt und einen Sieg nach dem anderen einfährt. Man hat dann ein ganz anderes Selbstvertrauen. Trotzdem sind wir Profi genug und wissen, wie wir dort unten wieder herauskommen. Wir laufen nicht mit gesenkten Köpfen herum.“

Sie haben auch in der vergangenen Saison gegen den Abstieg gespielt. War der Druck in der Bundesliga vielleicht geringer als jetzt, weil der Abstieg vor einem Jahr einkalkuliert war?
Höhn: „In der Bundesliga waren wir von Anfang an der Abstiegskandidat Nummer 1. Nun ist die Situation eine völlig andere. Nach dem guten Saisonstart wurden wir von Außenstehenden schon als möglicher Aufsteiger genannt, auch wenn wir selbst die Lage immer realistisch gesehen haben. Wir sind unerwartet in den Abstiegskampf gerutscht, aber Druck musst du als Fußballspieler aushalten können.“

Was hat Trainer Dirk Schuster gegenüber seinem Vorgänger Torsten Frings verändert?
Höhn: „Dirk Schuster legt mehr Wert auf die defensive Kompaktheit, Disziplin und Ordnung. Dadurch hat sich auch unser Spiel entsprechend verändert.“

„ Er ist ein durchweg positiver Typ, der immer gut drauf ist. ”
über Joevin Jones

Joevin Jones ist der neue Shooting-Star Ihrer Mannschaft und hat die Siege gegen St. Pauli und Dresden mit seinen Toren eingeleitet. Er kam erst im Januar aus den USA nach Deutschland. Was zeichnet ihn aus?
Höhn:  „Er ist ein durchweg positiver Typ, der immer gut drauf ist. Auf dem Platz spielt er ganz befreit auf. Er hilft uns mit seinen Dribblings und seinen Vorstößen ganz enorm. Er hat im Spiel nach vorne eine unglaubliche Qualität und ist immer torgefährlich.“

Sie treffen am Samstag mit dem FC Ingolstadt auf eine individuell starke Mannschaft. Danach folgen Spiele gegen den 1. FC Nürnberg, Fortuna Düsseldorf und Holstein Kiel, also gegen die drei besten Mannschaften der Liga. Ist dieser Spielplan nicht der reinste Horror?
Höhn: „(lacht) Von außen sieht das extrem schwierig aus. Aber wir haben gerade in den letzten Wochen gesehen, dass in der 2. Bundesliga jeder gegen jeden gewinnen kann – auch gegen eine Mannschaft aus den Top-3. Ich bin mir sicher, dass wir auch gegen diese Mannschaften unsere Punkte holen können.“

Lassen Sie uns noch einmal abschließend über Ihre Karriere sprechen. Als Profi sind sie nicht unbedingt für viele Vereinswechsel bekannt – in der Jugend hingegen waren Sie das schon. Innerhalb von gut drei Jahren haben Sie für den 1. FC Kaiserslautern, Hassia Bingen, FK Pirmasens und dann den SC Freiburg gespielt. Wie kam es dazu?
Höhn: „Beim 1. FC Kaiserslautern hat es für mich einfach nicht gereicht. Ich war damals noch ein sehr junger Spieler und musste den Umweg über Bingen und Pirmasens gehen, um dann in Freiburg durchzustarten.

Aber grundsätzlich bin ich eher ein Spielertyp, für den Beständigkeit sehr wichtig ist. Es würde nicht zu mir passen, jedes Jahr den Verein zu wechseln. Deshalb habe ich als Profi bislang lediglich für zwei Vereine gespielt.“

„ Werden immer als Underdog gesehen. ”
über Gemeinsamkeiten zwischen Darmstadt & Freiburg

Sie haben fünf Jahre für die Profis vom SC Freiburg gespielt. Sind der SV Darmstadt und der SC Freiburg ähnliche Vereine?
Höhn: „Die Gemeinsamkeit der beiden Vereine ist, dass Freiburg und Darmstadt immer als Underdog gesehen werden. Die Spielphilosophie der beiden Mannschaften ist aber eine völlig andere.

Der SC Freiburg legt viel Wert auf die spielerischen Elemente, während in Darmstadt die Mentalität, der Kampf und der Wille eher im Vordergrund stehen. Das wird nicht nur von den Trainern, sondern auch von den Fans so eingefordert.“

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass beide Vereine ein eher ruhiges Umfeld haben. Ist Ihnen das wichtig? Oder hätten Sie auch Lust, in einem Großstadt-Umfeld wie Frankfurt, Berlin, Hamburg oder Köln zu spielen, wo man weniger Ruhe, aber vielleicht auch mehr Euphorie und Möglichkeiten hat?
Höhn: „Nein. Ich bin der festen Überzeugung, dass es jeder Mannschaft gut tut, wenn Ruhe herrscht und man vernünftig arbeiten kann. 

Christian Streich ist in Deutschland längst ein Kult-Trainer und soll sogar beim FC Bayern München im Gespräch sein. Sie haben lange beim SC Freiburg unter ihm trainiert. Was zeichnet ihn aus?
Höhn: „Er ist ein wahnsinnig toller Trainer, der mir viel beigebracht hat. Es ist wirklich großartig, was er jedem einzelnen Spieler taktisch mit an die Hand gibt. Der SC Freiburg hat nicht ohne Grund den Ruf, dass man auf jeder Position taktische Kniffe mitbekommt und dadurch besser wird. Die Erfolge, die Christian Streich mit dem SC Freiburg bereits hatte, sprechen Bände.“

Herr Höhn, vielen Dank für das Interview!

VORBERICHT: Darmstadt vs Ingolstadt

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