Exklusiv: Jörg Dahlmann über die Herausforderung Geisterspiele

"Die Kunst zu schweigen kann ein großes Geschenk sein“

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Samstag, 16.05.20 | 08:33
Sky Kommentator Jörg Dahlmann vor einem Bundesliga Spiel

Sieht die Geisterspiele auch für sich als Herausforderung an: Sky-Kommentator Jörg Dahlmann. ©imago images/Schwörer Pressefoto

Seit bald vier Jahrzehnten schenkt er vielen unvergesslichen Fußball-Ereignissen seine Stimme. Wie dem irren Moment, als  Frankfurts Jay-Jay Okocha Oliver Kahn und zahllose Verteidigungsbeine immer und immer wieder ins Leere springen ließ. Da mochte Dahlmann einfach nicht genug bekommen von diesem Festival der frechen Finten.

Und als ihm klar war, dass er in seiner Begeisterung für Okocha nicht nur die eingeplante Sendezeit überschritten, sondern auch den Rahmen der journalistischen Neutralität ein wenig verlassen haben könnte, rief er vorsorglich ins Mikrofon: „Sollen sie mich doch rausschmeißen! Ist mir doch egal.“ Und nun hat das Spektakel gar einen Platz im deutschen Fußballmuseum.

Und als Olaf Thon als Matchwinner über die Bayern mit 17 Jahren die Bühne des großen Fußballs erobern konnte, hat Dahlmann schon gewusst, dass dieser neue Schalker Fußball-Held sich daheim am liebsten in Bettwäsche mit dem FC-Bayern-Emblem kuschelt.

Doch das was jetzt ansteht, hat auch Dahlmann noch niemals zuvor  erlebt. Er wird für den Übertragungssender Sky Fußballspiele kommentieren, die in einem leeren Stadion stattfinden. So liegt es auf der Hand, dass Liga-Zwei.de von diesem Fußball-Veteran mit der jugendlichen Stimme erfahren möchte, wie er sich auf die nun anstehenden Geisterspiele vorbereitet.

Jörg Dahlmann, Sie stehen für das Bunte, das Drumherum, für Fußball-Unterhaltung, für den wachsamen Blick ins Publikum. Wie möchten Sie den Verlust an Emotionen jetzt auffangen?
Jörg Dahlmann: „Die Reaktionen der Fans werden mir sehr fehlen: Diese erwartungsvollen Gesichter, die strahlenden Kinderaugen oder auch mal das Nickerchen eines Tribünenbesuchers. Dies alles fällt nun weg. Doch mit neuen Herausforderungen entstehen neue Chancen. Darauf vertraue ich.“

Wo sehen Sie neue Potenziale einer Fußball-Reportage? Worauf bereiten Sie sich vor?
Dahlmann: „Der Wegfall einer ohrenbetäubenden Kulisse lässt ganz neue Einblicke zu. Jetzt können wir hören, welche Kommandos die Trainer hineinrufen. Oder vielleicht auch, was Spieler sich so alles zurufen. Wie sie sich anfeuern oder auch mal anmeckern. Wie sie rumjammern oder wie sie provozieren oder beim Schiedsrichter petzen. Dies alles ist uns bisher verborgen geblieben. “

„ Die Kunst im richtigen Moment zu schweigen kann ein Geschenk sein. ”
über Chancen der Geisterspiele

Bedeutet dies für Sie und Ihre Sky-Kollegen, künftig den Mut zu haben, häufiger zu schweigen?
Dahlmann: „Ich möchte nicht so verstanden werden, dass ich mich an dieser Stelle für einen neuen Fußball-Voyeurismus einsetze. Doch auch solche akustischen Übertragungspotenziale nunmehr zu nutzen, halte ich für angemessen.

Wenn ich künftig aufspüre, dass verbale Emotionen eine Reportage bereichern, würde ich möglichst schweigsam sein, ebenfalls zuhören und genießen. Die Kunst im richtigen Moment zu schweigen kann ein Geschenk sein. Ich bin gespannt, ob und wie wir Fernsehmacher diese Chancen nutzen können.“

Aktuell schenken Sie Ihre Stimme primär den Sky-Übertragungen der 2. Bundesliga. Wie schaffen Sie es, dass diese Spielklasse Ihr Fußballherz Woche für Woche verlässlich zum Hüpfen bringt?
Dahlmann: „Ich bin begeistert von dieser Liga, die es im Schatten unserer Eliteliga immer noch recht schwer hat. Ich bin begeistert vom Durchhaltevermögen, von der Kreativität und von der Bodenständigkeit dieser Klubs und den vielen Menschen, die sich Jahr für Jahr in diesem Aktionsfeld behaupten. Ja, ich habe ein großes Faible für Underdogs. Vor allem im Fußball.“

Wir erreichen Sie in Palma de Mallorca, Ihrem zweiten Wohnsitz. Dürfen Sie rechtzeitig zum Start in dieses so ungewöhnliche Saisonfinale in die Sky-Studios nach Unterföhring einfliegen?
Dahlmann: „Ja, ich besitze quasi einen Pendlerstatus und könnte so meinen Dienst antreten. Doch ich bin an diesem Wochenende noch nicht dabei. So werde ich mir den Auftakt zunächst einmal ganz genau anschauen und vor allem ganz genau anhören.“

 Jörg Dahlmann, wir bedanken uns für Ihre Einblicke und freuen uns auf Ihre kommenden Reportagen.