Hamburg-Derby: Moralischer Sieg & Pfeifkonzert für Schulte

Ex-Trainer über Eklat vor 30 Jahren

Helmut Schulte verabschiedet Charles Takyi.

Hielt 13 Jahre lang die St. Pauli-Fahne hoch: Helmut Schulte. ©imago images/Thorge Huter

Wenn sich die Profikicker des FC St. Pauli und des HSV am Montagabend zum 20. Male seit Einführung des Bundesligafußballs auf großer Bühne gegenüberstehen, dann wird dies zum zweiten Male in der Geschichte dieses Hamburger Derbys an einem 16. September der Fall sein.

Zweifellos ist der 16. September ein Tag, an dem so manche Geschichte geschrieben wurde. Weltgeschichte gar, wie die Unabhängigkeit Mexikos von spanischer Kolonialherrschaft. Seitdem ist der 16. September dort jedes Jahr Nationalfeiertag. Nützliches und Bewährtes entstand an jenem Tag des Jahres 1964, als die Bundesregierung die Gründung der Stiftung Warentest beschloss.

16. September in Hamburg kein Feiertag

Um Freiheit ging es auch am 16. September 1979: In einem selbstgebauten Heißluftballon gelang zwei Familien der Nachtflug über die Grenzen zwischen Thüringen und Hessen. Spektakulär und unvergesslich diese riskante Flucht aus der DDR. Und vielleicht noch dies: Am 16. September feiern Oskar Lafontaine (76), Mickey Rourke (67) und David Copperfield (63) jedes Jahr ihren Geburtstag.

Im großen Fußball der Hansestadt allerdings taucht ein 16. September bisher nicht als Feiertag auf. Als der Klub vom Kiez exakt vor 30 Jahren, also am 16. September 1989, auf den großen Fußballnachbarn traf, ging es ihm sportlich besser als in vielen Jahren zuvor und danach. Der damals soeben 32 Jahre alt gewordene Helmut Schulte hatte Pauli anderthalb Spielzeiten zuvor in die 1. Bundesliga gesteuert und dort direkt den 10. Tabellenplatz erreicht.

Und nun rangierten die Millerntor-Kicker in der Tabelle immerhin ein wenig vor dem großen HSV. Losgelöst von gängiger Existenzangst haben sie dann an diesem 16. September vor 30 Jahren auf ihr Heimrecht verzichtet und das Derby ins große Volksparkstadion ausgelagert. Also kein echtes Heimspiel wie am kommenden Montagabend, doch dafür damals mehr Zuschauer, mehr Sicherheit und mehr Geld. Über 40.000 Fans waren dabei.

Es war eines dieser furchtbar quälenden Derbys. (Helmut Schulte über das Derby 1989)

Zu einem Tor und zu einem Sieg reichte es allerdings nicht in diesem damaligen Kräftemessen. Für den HSV nicht und für Pauli nicht. „Es war ein anstrengendes Match“, erinnert sich Helmut Schulte im Gespräch mit Liga-Zwei.de. Was er meint: Anstrengend fürs Publikum, es anzuschauen.

Dabei blickt er nochmals in die Aufzeichnungen seiner vor fünf Jahren erschienenen Biographie ‚Drei St.Pauli Leben‘ und ergänzt: „Schlimmer noch: Es war eines dieser furchtbar quälenden Derbys, von denen es leider in ihrer Geschichte noch ein paar mehr gegeben hat.“

Ja, vor allem Schulte selbst ist es als Pauli-Chef mit Anfang 30 bereits gelungen, so professionell zu sein, um die Spiele mit eigenem durchorganisierten Verteidigungungsspiel der Spezialisten Trulsen, Kocian, Schlindwein und Flad offen zu halten und so den Geschmack des auf Festtag programmierten Hamburger Publikums so ganz und gar nicht zu bedienen.

Mir ballerte ein unglaublich tosendes Pfeifkonzert und schallende Buhrufe entgegen. (über die folgende PK)

Sein Arbeitsansatz lautete: „Alle leben in derselben Stadt, alle kennen sich bestens, also will sich niemand zwingend in die Gefahr begeben, ein Derby zu verlieren.“ In der Tat blieben die Derbys immer eng und arm an Toren, wenn Schulte Paulis Marschroute festlegte. Fünfmal war dies so, bei drei Remis und zwei knappen Niederlagen.

Helmut Schulte an der Seitenlinie.

Bei 110 Pflichtspielen stand Helmut Schulte an der Seitenlinie des FC St. Pauli. ©imago images/Ferdi Hartung

Als Helmut Schulte dann auch noch das Selbstbewusstsein aufbrachte, seine Paulianer rotzfrech öffentlich als bessere Mannschaft zu bewerten, mündete immerhin die Pressekonferenz dieses 16. September vor 30 Jahren in einen Aufreger, in etwas Einzigartiges, in einem Eklat.

„Es war die offizielle Pressekonferenz nach dem Spiel. Eigentlich ein Austausch mit guten Manieren. Doch in dem Moment, in dem ich uns als moralische Sieger bezeichnete, ballerte mir ein unglaublich tosendes Pfeifkonzert und schallende Buhrufe entgegen. Diese Reaktion war ein Höllenschreck. Sowas habe ich zuvor und danach nie wieder in einer Medienrunde erlebt. Ich bin komplett niedergepfiffen worden“, erinnert sich Schulte und ist dabei heute köstlich amüsiert.

Sponsoren & VIPs auf der Pressekonferenz

Damals war er es nicht. Denn was er nicht wissen konnte: Nicht nur Journalisten, auch Sponsorenvertreter und andere VIPs hatten an diesem 16. September 1989 bei diesem geliehenen Heimspiel Zutritt zur PK. Mit ihrem Zorn über Schultes Statement kontaminierten sie in der Pressekonferenz die von Schulte zu Recht erwartete Umgangsform medialer Neutralität.

Um eine winzige Kleinigkeit wäre diese Spielzeit für die Anhängerschaft des HSV noch viel ärgerlicher ausgegangen. Nachdem auch das Rückrundentreffen nahezu identisch verlaufen und somit ebenfalls torlos ausgegangen war, konnten sich Helmut Schulte und sein Team stets knapp vor dem HSV in der Spielzeit-Tabelle behaupten.

„Die beiden Derby-Ergebnisse waren kein Zufallsprodukt: Meine Jungs waren damals leistungsmäßig tatsächlich ganz nahe am HSV“, erinnert sich Helmut Schulte und plötzlich wird ihm noch einmal klar, wie leicht diese historische Chance am letzten Spieltag vergeben, mehr noch: verschenkt worden war.

Knapp hinter dem HSV über die Ziellinie

Nur zwei Gegentore hätten am letzten Spieltag in Düsseldorf verhindert werden müssen, dann wäre der FC St.Pauli in der Abschlusstabelle vor dem HSV platziert gewesen. Beide kamen punktgleich ins Ziel, doch weil Pauli verlor, zu hoch verlor, hatten die HSV-Stars um Jakobs, Beiersdorfer, von Heesen, Furtok und Keeper Golz dann doch mit dem besseren Torverhältnis die Nasespitze vorn.

Elfter der HSV, 13. Pauli. „Ja, es war der letzte Spieltag. Ja, wir waren gesichert und ja, Fortuna musste nochmals etwas holen“, holt Schulte Erklärungen herbei. Als begreife er auch heute noch nicht so recht, wie es zu diesem 0:7 im Finale einer so stabilen Spielzeit kommen konnte.

Mit neuen Fachkräften ist Kompetenz und Ruhe eingekehrt. (über den HSV 2019/20)

Wenn sich am Montag nun die aktuellste Derby-Generation messen wird, ist auch Helmut Schulte unter den Zuschauern. Er ist überzeugt, einen HSV anzutreffen, der sich positiv entwickelt hat: „Mit neuen Fachkräften ist Kompetenz und Ruhe eingekehrt. Beides ist notwendig, um dauerhaft Erfolg zu haben.“

Der Fußball-Lehrer mit den drei Pauli-Leben – erst Ausbilder, dann Profitrainer und schließlich Sportchef – lebt nach wie vor in Hamburg, arbeitet allerdings für den Ligakonkurrenten VfB Stuttgart. Wir wissen nicht, ob es dieses 20. Duell der Profis von Pauli und des HSV vielleicht ja doch einmal schafft, sich auch in der Geschichte des Fußballs einen Platz zu verdienen. Sicher ist allein dies: Helmut Schulte wird auch mit nunmehr 62 nichts entgehen an diesem Abend des 16. September.

Übrigens: Die Konstellation der Sterne meint, dieser kommende 16. September werde ein schwieriger Tag für große Ziele. Nun denn, das Match beginnt ja erst am späten Abend…

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