Chapeau, Lukas Hinterseer

Die besondere Leistung des 21. Spieltags

Lukas Hinterseer jubelt für den HSV

Hat gut Lachen: Lukas Hinterseer erzielte gegen den KSC seine Saisontreffer acht und neun. ©Imago images/Eibner

Als der Karlsruher Spieler Marc Lorenz – ohne in körperlicher Bedrängnis zu sein – zu einem Flugball ausholte und so eine weitere Gelegenheit des HSV, endlich einen Treffer zu erzielen, gerade noch rechtzeitig abzuwehren schien, war für den bis dahin extrem tüchtigen Abwehrverbund die Sache erledigt. Denn auch diese Angelegenheit schien für einige wenige Augenblicke so klar bereinigt, dass wohl auch vier von fünf Stürmern sich in diesem Moment nicht mehr beteiligt hätten an dieser Aktion.

Doch Lukas Hinterseer verlor seine Konzentration auf den Ball auch in dieser Sekunde nicht und bekam so rechtzeitig und obendrein exklusiv mit, dass eben jener Linksbein-Virtuose mit seinem rechten Fuß zu Werke gehen musste. Hinterseer sah somit genau, wie Lorenz den Versuch einer Rettung vor dem eigenen Tor dermaßen „verzwiebelte“, dass die Flugbahn des Balles nicht wie geplant an Weite sondern lediglich an Höhe gewann, also als sogenannte „Kerze“ ihre Fortsetzung fand.

Und weil nun niemand außer Hinterseer diese Handlungs-Hysterie bemerkt hatte, kann der Mittelstürmer des HSV mit diesem Kopfballtreffer berechtigt den Anspruch erheben, dieses sich recht gefährlich entwickelnde Match für seinen HSV im Schlussdrittel doch noch zu einem guten Ende gebracht zu haben.

50. Tor im 113. Auftritt in der 2. Bundesliga

Denn mit einer Brust voller Selbstverstrauen ist Hinterseer dann auch noch im Stile eines wahren Knipsers das 2:0 geglückt, als er Jattas Zuspiel von einer Position aus ins Karlsruher Tor beförderte, in der verlässliche Torjäger nun einmal zu agieren haben. Dies nun ist dann auch noch Hinterseer 50. Tor im 113. Auftritt in der 2. Bundesliga. Ja, Chapeau, Lukas Hinterseer. Für ihn ein großartiger Spieltag.

Häufiger als zuvor in Ingolstadt und Bochum wird im mannigfaltigen Hamburg zur Sprache gebracht, dass derselbe Name auch in der bunten Welt der Bühnen vertreten ist.  Volksmusik-Barde Hansi Hinterseer ist der Bruder seines Vaters Guido.

Doch wenn der Fußballer eine Verknüpfung zum berühmten Onkel für erwähnenswert hält, dann ist dies allenfalls die gemeinsame Liebe zum Skirennsport. Wen wundert dies, wenn daheim in Kitzbühel beinahe vor der Haustür die Rennpiste, die gefürchtete „Streif“, endet. Wenn der Skisport seit Generationen Familiensport Nr. 1 ist und wenn eben auch Hansi Hinterseer vor seiner Karriere als Volksmusikant ein recht erfolgreicher Skirennläufer war: Mit Olympia, einer Vizeweltmeisterschaft und sechs Weltcupsiegen.

Skisport oder Fußball eine schwierige Beziehungskiste

So war lange Zeit niemals ganz sicher, dass sich Dieter Heckings aktuell immer mehr Fahrt aufnehmender Toremacher tatsächlich für den Fußball entscheiden können werde.

Wie Weggefährten berichten hat der begabte Kicker mit den Wurzeln im Skisport diese Beziehungskiste daheim mit seiner Verrücktheit für den Fußball gemeistert. So holte ihn Ralph Hasenhüttl, Landsmann und Stürmerkollege A.D., im Sommer 2014 von Wacker Innsbruck zum SV Ingolstadt.

Gemeinsam schafften die Gesinnungsgenossen im Jahr darauf als Meister der 2. Bundesliga den Aufstieg und akklimatisierten sich in der Eliteliga als Außenseiter dann so überzeugend, dass ein weiteres Jahr später in der Bundesliga ein stolzer elfter Tabellenplatz mit sechs Hinterseer-Treffern heraussprang.

Freilich mit gravierenden Folgen: Lukas Hinterseer verlor seinen Mentor und der SV Ingolstadt erst seinen Trainer des großen Auftriebs, dann auch noch das Fußballglück: Hasenhüttl-Nachfolger Kauczinski schaffte danach in zehn Spielen keinen Sieg und wurde durch Maik Walpurgis ersetzt.

Diesen fatalen Fehlstart in der Bundesliga aufholen zu müssen, geriet für alle Beteiligten zu einer schwierigen Grenzerfahrung. Vor allem für Hinterseer, der im Ringen um den einzigen Platz im Ingolstädter Angriffszentrum häufig seinem etablierten Stürmerkollegen Lezcano den Vortritt lassen musste.

Position am Flügel nicht auf den Leib geschneidert. (Maik Walpurgis)

Im Gespräch mit Liga-Zwei.de ist dem Fußball-Lehrer Maik Walpurgis anzumerken, dass es ihm geradezu leid tut, die damalige Zusammenarbeit nicht in ähnlichen rosaroten Farben schildern zu können wie dies aktuell der Fall ist, wenn eine Bewertung über Hinterseer erstellt wird.

„Unser Abstiegskampf war eine ständige Verfolgungsjagd. Besonders schwierig war es für Lukas gegen diese vielen erstklassigen Innenverteidiger und oftmals in einer Position am Flügel, die ihm nicht auf den Leib geschneidert ist“, erinnert sich Walpurgis an eine Aufgabe, die nie zu lösen schien.

Maik Walpurgis und Lukas Hinterseer.

Arbeiteten beim FC Ingolstadt zusammen: Maik Walpurgis (l.) und Lukas Hinterseer. ©Imago images/Eibner

Walpurgis holte zwar 30 Punkte in 24 Spielen, doch mit 32 Zählern und nur drei Hinterseer-Treffern stieg Ingolstadt als Tabellen-Siebzehnter 2017 in die 2. Bundesliga ab. Dort setzte auch Lukas Hinterseer seine Karriere fort: Nicht in Ingolstadt sondern beim VfL Bochum.

Als der große HSV zwei Jahre später, also im vorigen Frühsommer, die Entscheidung trifft, mit Hinterseer als Stürmer Nr. 1 in das aktuelle Aufstiegsrennen zu gehen, dann tat er dies deshalb, weil Hinterseer eine erstaunliche Trefferquote von 35 Toren in 65 Spielen aus Bochum mit nach Hamburg bringen konnte. Was dieses starke Ergebnis nicht erahnen lässt, verrät Jens Rasiejewski, der in der Spielzeit 2017/18 einer von drei Cheftrainern war, die mit Hinterseer arbeiteten. Nämlich nach Atalan und vor Dutt.

Dilemma mit positiver Einstellung selbst besiegt. (Jens Rasiejewski)

So erklärt uns Rasiejewski dies: „Die Enttäuschungen über den Abstieg mit Ingolstadt mal so eben abzuschütteln, ist auch Lukas nicht geglückt. Er geriet bei uns zunächst in ein Leistungstief, vergab viele Torchancen und erzielte am 10. Spieltag erst seinen zweiten Treffer.“

Doch im selben Atemzug, bringt der Ausbildungsspezialist Rasiejewski, einst selbst in der Bundesliga aktiv, in Erinnerung, was ihn an Hinterseer schon damals imponiert hat: „Lukas hat nie seine positive Grundeinstellung in Frage gestellt, hat das Dilemma mit dieser Haltung selbst besiegt und ist beim VfL Bochum zu einem tollen Knipser geworden.“ Und vorsorglich ergänzt er: „Natürlich in der Angriffsmitte. Diese Position brauchte es für ihn.“

Maik Walpurgis hat seinen Stürmer aus Ingolstädter Zeiten jüngst zweimal live im Stadion erlebt und zeigt sich nun regelrecht begeistert: „Bei seiner heutigen Entwicklung bin ich mir sicher, dass sich Lukas im zweiten Anlauf auch in den Duellen mit den Besten unseres Landes behaupten und seine Tore machen wird“, sagt Walpurgis vorschauend und begründet seine Prognose mit dieser Expertise: „Lukas ist stets hellwach, fackelt vorn nicht lange, macht mit seiner Körperlichkeit großartig die Bälle fest, ist stark im Kopfball und hat so seine Rolle im Angriffszentrum stabilisiert.“

Alles dies wiederum freut nicht allein Dieter Hecking beim HSV auf dem Weg zurück ins hiesige Fußball-Oberhaus. Auch Österreichs Teamchef Franco Foda hat schließlich große Pläne mit dem Mann mit der Trikot-Nr. 16 des HSV. Erst Aufstieg und dann EM: Ja, Lukas Hinterseer, der im nächsten Monat 29 wird, täte gut daran, seine Treffsicherheit und seine Leistungsfähigkeit durch das kommende Frühjahr zu steuern…