Holstein Kiel Trainer Marcel Rapp im Interview: „Niemand ist wirklich zufrieden mit dem VAR“

Außerdem spricht er über den Saisonstart, das Duell mit Kaiserslautern und das Pokalspiel gegen den HSV

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Donnerstag, 20.11.25 | 14:09

© IMAGO / eu-images

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Marcel Rapp, der Trainer von Holstein Kiel, spricht im exklusiven Interview mit LIGA-ZWEI.DE über den Saisonstart seiner Mannschaft, das Jahr in der Bundesliga, das DFB-Pokalspiel gegen den Hamburger SV und die Diskussionen um den Video-Schiedsrichter.

Herr Rapp, wie hat sich die Länderspielpause angefühlt, nachdem Sie mit dem 1:0 gegen Fortuna Düsseldorf eine Sieglos-Serie in der 2. Liga über fünf Spiele beendet haben?

Wir haben ein Spiel gewonnen, das auch hätte unentschieden ausgehen können – und das wäre dann ebenfalls verdient gewesen. Aber wenn man bedenkt, dass wir in den vergangenen Wochen einige Spiele nicht gewonnen haben, in denen wir mehr verdient gehabt hätten, tat dieser Sieg richtig gut. In der 2. Liga muss man Punkte sammeln – und diese drei Punkte waren brutal wichtig, weil wir zuvor zu viele liegengelassen hatten, obwohl unsere Leistung besser war als das Ergebnis.

Nach dem Abstieg im Sommer sind einige Führungsspieler gegangen. War Ihnen klar, dass der Saisonstart schwierig werden könnte?

Wenn man die Historie der 2. Liga betrachtet, sieht man, wie viele Teams nach einem Abstieg Probleme bekommen. Auch wenn man das als Verein vielleicht nicht wahrhaben will, ist die Gefahr groß. Der 1. FC Köln war da zuletzt eine Ausnahme, aber die hatten auch einen völlig anderen Etat. Vereine wie Darmstadt oder Paderborn haben sich nach dem Bundesligaabstieg ähnlich schwergetan – und damit war zu rechnen.

Aber…?

Aber wir machen uns nicht verrückt. Wir machen unser Ding, und unsere Leistungen wurden im Verlauf immer besser. Klar ist allerdings auch, dass die bisherige Punktausbeute nicht zur gezeigten Leistung passt. Wir sehen viel Potenzial in der Mannschaft. Potenzial heißt aber nicht immer sofortige Qualität – manchmal ist das eher eine Frage der Zukunft. Trotzdem spüren wir, dass wir immer besser werden und die Entwicklung klar nach oben zeigt.

Was erwarten Sie für ein Spiel am Sonntag beim 1. FC Kaiserslautern?

Ein Kampfspiel, ganz klar. Lautern wird uns in viele Zweikämpfe verwickeln – dem müssen und werden wir uns stellen. Aber darüber hinaus wollen wir natürlich auch fußballerisch unsere Akzente setzen.

Ihr Torwart und Sommer-Neuzugang Jonas Krumrey spielt bislang eine überragende Saison – was macht ihn aus?

Wir haben mit Jonas und Timon Weiner zwei sehr gute Torhüter. Timon macht es im Pokal sehr gut, Jonas in der Liga. Jonas ist unaufgeregt, unspektakulär – und das ist im Tor ein gutes Zeichen. Mir sind solche Torhüter lieber als diejenigen, die ständig durch die Luft fliegen, obwohl sie den Ball auch einfach hätten fangen können. Er spielt ruhig, sicher, und ist zudem gut mit dem Fuß. Wir sind sehr zufrieden mit ihm.

Sie haben die Saisonvorbereitung teilweise in den USA absolviert. Was war das für ein Erlebnis?

Es war einfach mal etwas Anderes. Nach dem Abstieg wollten wir neue Impulse setzen. Wenn man mehr verliert als gewinnt, ist das nie leicht für den Kopf. Mit vielen neuen Spielern ergab sich ohnehin ein Neubeginn – und anstatt das 50. Mal nach Österreich zu fahren, wollten wir einfach mal aus den gewohnten Mustern ausbrechen. Wir hatten hervorragende Bedingungen, konnten gut trainieren, viele positive Erlebnisse sammeln und sind als Mannschaft schnell zusammengewachsen. Das hat sich am Ende absolut gelohnt.

Vielfach absolvieren große Teams wie Bayern München, die in der ganzen Welt Fans haben, solche internationalen Reisen in den USA oder in Asien. Wie wurden Sie als Holstein Kiel in Nordamerika wahrgenommen?

Wir waren in Minneapolis, wo zu der Zeit auch die US-Nationalmannschaft spielte – mit einem unserer Spieler, John Tolkin. Das als gesamtes Team im Stadion zu verfolgen war schon ein besonderer Moment. Ansonsten hatten wir zum Beispiel ein Testspiel gegen das MLS-Team aus Minnesota oder haben uns mit einer befreundeten Fußball-Mannschaft aus San Francisco ausgetauscht. Auch außersportlich hatten wir mehrere Auftritte und sind überall auf großes Interesse gestoßen. Wir wissen natürlich, dass Holstein Kiel nicht Bayern München ist und entsprechend anders wahrgenommen wird, aber es war insgesamt eine wirklich gute Erfahrung.

Inwiefern hat das Jahr in der Bundesliga den Verein Holstein Kiel verändert?

Wir erleben dadurch eine riesige Sympathiewelle – in Deutschland, aber auch in Kiel selbst. Seit ich hier bin, hat sich die Beziehung zu unseren Fans unglaublich entwickelt. Der Verein ist in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen, und der Bundesliga-Aufstieg hat uns noch einmal einen richtigen Push gegeben. Holstein Kiel war in der Vergangenheit ein traditionsreicher Verein, ist dann lange Zeit ein bisschen aus dem öffentlichen Fokus verschwunden. Jetzt sind wir wieder auf der Landkarte. Man nimmt uns als sympathisch und bodenständig wahr. Wir haben es geschafft, unsere Reichweite zu erhöhen, ohne unsere Linie zu verlieren. Wir stehen für leidenschaftlichen Fußball, Bodenständigkeit und gute Arbeit mit jungen Spielern, etwa aus Skandinavien. Das sind positive Merkmale, mit denen viele etwas anfangen können – und darauf sind wir stolz.

Was war für Sie persönlich das Highlight aus dem Bundesliga-Jahr?

Ganz klar das letzte Spiel gegen Dortmund – obwohl wir verloren haben. Unsere Fans haben damals einfach anerkannt, wie schwer es ist, mit den Voraussetzungen, die wir haben, in dieser Liga mitzuhalten. Wir waren in jedem Spiel Außenseiter, aber wir sind unseren Weg gegangen. Diese Anerkennung war besonders – und davon zehren wir auch heute noch.

Im DFB-Pokal treffen Sie auswärts auf den HSV. Sie sind aus der Bundesliga abgestiegen, der HSV ist in die Bundesliga aufgestiegen. Ist der qualitative Unterschied vielleicht gar nicht so groß?

Wir sind sicher der Außenseiter. Hamburg hat am letzten Transfertag noch zwei Spieler von Arsenal London (Fábio Vieira, Albert Sambi Lokonga, Anm.d.Red.) geholt. Das sagt schon viel aus. Uns haben sie mit Nicolai Remberg einen absoluten Stammspieler abgeworben, der auch beim HSV nun eine feste Größe im Team ist. Gleichzeitig wissen wir, was wir leisten können. Wir haben im Pokal schon Wolfsburg geschlagen, also wissen wir, dass wir das Potenzial haben, einen Favoriten zu ärgern. In einer tollen Atmosphäre, mit vielen Kieler Fans und unserer positiven Historie gegen den HSV, freuen wir uns einfach riesig auf dieses Spiel.

Abschließend noch ein anderes Thema: Es wird im Fußball viel über den Videoschiedsrichter diskutiert. Ein häufiger Vorwurf lautet, dass durch kleinliche Entscheidungen die Emotionalität verlorengeht. Wie ist Ihre Meinung?

Bei faktischen Entscheidungen wie Abseits bin ich klarer Befürworter – das macht das Spiel fairer. Alles, was klar schwarz oder weiß ist, funktioniert. Bei anderen Entscheidungen, etwa Foul oder Handspiel, ist das schwieriger. Da fehlt aus meiner Sicht die Einheitlichkeit. Trainer, Spieler, Zuschauer – niemand ist wirklich zufrieden damit, wie es aktuell läuft. Auch die Schiedsrichter nicht. Grundsätzlich ist der VAR gut, aber die Umsetzung ist verbesserungswürdig. Manchmal greift er zu oft ein, manchmal gar nicht. Die Linie fehlt. Trotzdem bin ich gegen eine Abschaffung. Ansonsten hätten wir wieder viele klare Fehlentscheidungen – aber so, wie es aktuell läuft, gibt es zu viele Diskussionen.

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