Richard Golz: Der HSV muss die Nerven behalten

Interview mit der Torwart-Legende

Autor: Christian Slotta Veröffentlicht: Mittwoch, 08.08.18 | 07:47

Rät zur Geschlossenheit. Ex-Keeper Richard Golz sieht nach dem Fehlstart die erfahrenen Spieler in der Pflicht. ©Imago/Krieger

Der Hamburger SV ist mit dem 0:3 gegen Holstein Kiel denkbar schlecht in die Saison gestartet. Der früher langjährige HSV-Torwart Richard Golz erklärt im Interview mit Liga-Zwei.de, wie die Mannschaft auf diese Situation reagieren muss, wie er den Kader beurteilt und warum ihm der Nachwuchs Hoffnung macht.

Herr Golz, in einem Zeitungsinterview haben Sie vor dem Saisonstart gesagt, Sie hoffen, dass der HSV schnell in der 2. Bundesliga ankommt und dann schnell wieder rauskommt. Hat der Auftakt gezeigt, dass der HSV doch noch nicht angekommen ist?
Richard Golz: „Nach einem Spiel lässt sich noch kein endgültiges Urteil fällen. Dass der HSV gut in das Spiel gekommen ist, sagt zunächst etwas Anderes aus. Im Fußball laufen Spiele oft in ganz andere Richtungen, sobald ein Tor fällt. Dieses Tor hat nun eben Holstein Kiel gemacht.

Hätte der HSV das erste Tor gemacht, würden wir heute ganz anders reden. Nichtsdestotrotz ist das Ergebnis natürlich eine Katastrophe. Für die Mission Wiederaufstieg wäre ein guter Start enorm wichtig gewesen. Jetzt sind alle gefordert, die Nerven zu behalten und die Sinne zu schärfen.“

Was muss der HSV in den kommenden Spielen besser machen? Wurde die Mannschaft vielleicht zu schnell nervös, nachdem die ersten Torchancen vergeben wurden?
Golz: „Man hat der Mannschaft angemerkt, dass sie spätestens nach dem 0:1 die Lockerheit verloren hat. Dann war im Stadion auch zu spüren, dass die Zuschauer etwas anderes erwartet haben. Damit muss so eine junge Mannschaft erst einmal zurechtkommen.

Jetzt ist die psychologischen Komponente noch viel wichtiger als die spielerischen Komponente. Wenn der erste Sieg gelingt und das Selbstvertrauen zurück ist, kommen die spielerischen Aspekte wieder von ganz alleine. Und noch etwas ist wichtig…“

„ Ich denke, dass die Spielweise grundsätzlich beibehalten werden sollte. ”
über Titz' Spielstil

Verraten Sie es uns…
Golz: „Alle Beteiligten müssen weiterhin daran glauben, was der Trainer vorgibt. Nun kommen ja bereits erste Stimmen auf, die sagen, man müsse in der 2. Bundesliga anders Fußball spielen. Ich denke, dass die Spielweise grundsätzlich beibehalten werden sollte, aber als Update etwas modifiziert.“

Der HSV stellt die jüngste Mannschaft im deutschen Profifußball. Sie haben gerade den Druck angesprochen. Ist die Mannschaft vielleicht zu jung für die 2. Bundesliga, wo physische und mentale Aspekte im Vordergrund stehen?
Golz: „Ich denke, dass man auch mit einer jungen Mannschaft aufsteigen kann. Vielleicht lässt sich das nicht miteinander vergleichen, aber vergangene Saison hat es Christian Titz als Trainer der 2. Mannschaft auch in der Regionalliga geschafft, mit einer sehr jungen Mannschaft ganz oben mitzuspielen. Allgemein muss der HSV über diese Saison hinausblicken.“

„ Früher hat jeder Trainer das gemacht, was er gerade für richtig hielt. ”
über die Nachwuchsarbeit

Der Wiederaufstieg steht doch über allem…
Golz: „Natürlich ist es wichtig, dass man aufsteigt. Aber der Verein braucht auch eine Mannschaft mit Perspektive. Wenn der Aufstieg gelingt, würden die jungen Spieler mit dieser Erfahrung wachsen.

Daher finde ich nicht, dass man jetzt unbedingt noch zwei alte Säcke verpflichten muss. Zumal der HSV ja bereits einige fertige Spieler mit Bundesligaerfahrung hat. Die sind jetzt noch viel mehr gefordert. In diesem Zusammenhang bedeutet fertig dann, mit der Situation fertig zu werden.“

Torwart Richard Golz vom HSV beim Abwurf in der Bundesliga

Schaffte einst den Sprung aus der Jugend zu den Profis. Richard Golz stand für den HSV 273-mal in der Bundesliga im Tor. ©Imago/MIS

Die einzige Abteilung, die beim Hamburger SV wirklich zu funktionieren scheint, ist der Nachwuchs. Der Verein hat vielversprechende Eigengewächse wie Jann-Fiete Arp oder Josha Vagnoman hervorgebracht. Ihr Sohn Jakob Golz ist Torwart der 2. Mannschaft. Warum funktioniert der HSV-Nachwuchs heute besser als in früheren Jahren?
Golz: „Zunächst einmal, weil man dazu gezwungen ist, da nicht mehr so viel Geld für Transfers vorhanden ist. Dadurch bekommen junge Spieler eher eine Chance als früher. Die Qualität ist auch besser geworden. Entscheidend dafür war, dass im Nachwuchsleistungszentrum Vorgaben gemacht wurden, an die sich jeder Trainer gehalten hat.

Das war früher nicht so. Da hat jeder Trainer das gemacht, was er gerade für richtig hielt. Nun hat der Verein ein Konzept und junge Trainer, die das umsetzen und gleichzeitig gut geführt werden. Das zahlt sich aus. Es gibt noch einige Jungs, die in den nächsten ein oder zwei Jahren hinzukommen werden.“

„ Wenn der HSV zurückkehrt, wird auch Kühne wieder dabei sein. ”
über den Investor

Der Investor und Anteilseigner Klaus-Michael Kühne hat sich vom HSV distanziert. Wie beurteilen Sie das?
Golz: „Ich denke, dass alle Beteiligten irgendwann wieder zueinander finden. Momentan ist viel gekränkte Eitelkeit dabei. Der HSV möchte die Abhängigkeit nicht vergrößern. Das ist nachvollziehbar. Aber ich denke, wenn der HSV wieder in die 1. Bundesliga zurückkehrt, wird auch Kühne wieder dabei sein. Letztendlich ist Kühne ein großer Fan des HSV.“

Sie äußern sich eher noch positiv über den HSV. Andere Experten oder Ex-Spieler übten scharfe Kritik. Ivica Olić sagte abfällig, dass der HSV wohl dachte, man sei Real Madrid oder Barcelona. Wie empfinden Sie solche Aussagen?
Golz: „Das Schöne im Fußball ist, dass jeder irgendwie ein Stück Recht hat. Auch Olic hat mit seinen Aussagen irgendwo recht. Aber gerade weil der HSV eine sehr junge Mannschaft hat, wäre etwas mehr Unterstützung wünschenswert. Am Wichtigsten für die Jungs ist aber, dass der Support von innen, also aus dem Verein kommt.“

Würden Sie Stand heute auf einen Aufstieg des HSV wetten?
Golz: „Ich wette nicht, daher stellt sich die Frage für mich nicht. Aber ich denke, dass der Verein weiterhin gute Chancen auf den Aufstieg hat.“

Noch einmal eine Frage zu Ihrer Person: Sie waren in den letzten Jahren als Torwarttrainer beim HSV-Nachwuchs, bei Hertha BSC und der Nationalmannschaft von Rumänien tätig. Was machen Sie momentan?
Golz: „Ich arbeite als Personalberater bei Hager Unternehmensberatung in Frankfurt. Ich habe also den Fußballplatz gegen das Büro getauscht. Mein Schwerpunkt ist aber auch hier der Sportbereich.“

Zieht es Sie irgendwann zurück auf den Fußballplatz?
Golz: „Das muss man sehen. Mir macht meine Arbeit viel Spaß. Zudem ist es sehr angenehm, einen anderen Lebensrhythmus mit freien Wochenenden zu haben. Ich hatte 30 Jahre kurze Hosen an. Es war nun an der Zeit, einmal etwas Anderes anzuziehen (lacht).“

Vielen Dank für das Interview, Herr Golz!

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