Aus der Patsche: Den Gegner Kiel holen

Wie der unscheinbare Typ, der die heißeste Frau abkriegt

Nico Patschinski ist Kolumnist bei Liga-Zwei.de

Sieht die Störche weiter im Höhenflug: Nico Patschinski. ©Imago/Future Image

Hallo Fußballfreunde,

ich sage es immer wieder gerne und es stimmt ja auch meistens: Das zweite Jahr in der 2. Bundesliga ist das schwerste. Während du im ersten Jahr oft unterschätzt wirst, passiert das in der zweiten Saison nicht mehr. Das ist so ähnlich wie der Spruch: Der Rasen ist grün.

Bei Holstein Kiel ist das aber anders. Also nicht das mit dem Rasen, aber das mit dem zweiten Jahr. Die machen einfach weiter. Gleich am Anfang haben sie mit dem 3:0 gegen den HSV natürlich ein Monster hingelegt.

Kein Nachteil, das Ducksch und Drexler gegangen sind. (über den Abgang der Leistungsträger)

Sie spielen meistens nicht so spektakulär wie jetzt gegen Duisburg oder Paderborn, sondern gewinnen vor allem zu Hause meistens so 2:1. Ich höre oft die Übertragung im Radio, wenn ich unterwegs bin, da hat man immer den Eindruck: Jo, läuft halbwegs, wenig los. Dann plötzlich führen sie und bringen das Ding ins Ziel. Wie der unscheinbare Typ auf der Party, der am Ende die heißesten Frau abkriegt. Die anderen haben halt zu viel Gas gegeben und liegen schon in der Ecke. 

Kiel ist natürlich auch eine weite Auswärtsfahrt. Da kommen die Gegner schon schlecht gelaunt an, weil sie unterwegs ihr ganzes Datenvolumen für das Smartphone verbraucht haben.

Vielleicht ist es gar kein Nachteil, dass mit Marvin Ducksch und Dominick Drexler die zwei stärksten Spieler gegangen sind. So waren die Erwartungen wieder niedrig, trotz der Relegation im letzten Jahr. Die Abgänge wurden dann mehr durch die Breite als mit Einzelspielern aufgefangen, was sowieso besser ist. Das ist wie mit Sponsoren: Es ist besser, viele kleine zu haben, als nur einen verrückten Millionär. Denn wenn der wegbricht, stürzt alles ein.

Besser viele kleine, als einen verrückten Millionär. (über Parallelen zwischen Mannschaft und Sponsoren)

Wenn du Holstein Kiel hörst, fällt dir kein Star ein. Noch so eine Phrase: Die Mannschaft ist der Star. Bei Köln sagen neun von zehn „Terodde“. Bei der KSV kann auch mal einer fehlen und sie gewinnen trotzdem, weil sie schwer auszurechnen sind. So kannst du jeden Gegner Kiel holen.

So kannst du jeden Gegner Kiel holen. (über Erfolgsrezepte bei der KSV)

Die Leute, die geblieben sind, spielen jetzt anders. Schindler spielt jetzt mehr in der Spitze, bombt alles weg, Kinsombi ist jetzt offensiver. Ein cleverer Schachzug vom Trainer: Erstens sparst du Geld, zweitens setzt du neue Reize.

David Kinsombi und Jae Song Lee von Holstein Kiel

David Kinsombi (m.) hat sich neu erfunden, Lee (r.) ist einer der wenigen Neuen in der Kieler Startelf. ©Imago/Claus Bergmann

Bei meinen Mannschaften sind die Umbrüche leider meistens schiefgegangen. Nach dem Abstieg mit St. Pauli sind viele gegangen, wir konnten es aber nicht auffangen. Es kamen gefühlt 135 Neue, die Altgedienten saßen oft auf der Bank. Bei Kiel sind die meisten in der Startelf schon letzte Saison da gewesen.

Mit Wohlgemuth habe ich noch zusammengespielt. (über Kiels Sportdirektor)

Der Fisch fängt ja am Kopf an zu stinken, auch im positiven Sinn. Da sind sie gut aufgestellt mit Fabian Wohlgemuth. Mit ihm habe ich bei Union als Jugendlicher noch zusammengespielt. Er hat sich danach kontinuierlich in die Funktion als sportlicher Leiter reinentwickelt.

Das Umfeld ist ein weiterer Pluspunkt. Kiel ist ja immer noch die Handball-Stadt. Wenn die Fußballer mal verlieren, wird nicht gleich durchgedreht. In Köln geht gleich der Klüngel los, wenn du mal Fünfter bist. In Kiel ist es noch beschaulich.

In einer Großstadt wäre Schmidt schon 15 Mal entlassen worden. (über ruhiges Arbeiten in der Provinz)

So ähnlich ist es ja in Heidenheim. Da kann es auch mal schlecht laufen, aber sie retten sich am Ende irgendwie und Frank Schmidt bleibt weiter im Amt. In einer Großstadt wäre er schon 15 Mal entlassen worden.

Letztlich ist es auch nicht verkehrt, dass sie nach der Relegation einen neuen Trainer holen mussten. Oft ist nach so einem knappen Scheitern ein bisschen die Luft raus. Dass dann einer kommt, der etwas Neues macht, hält alle auf Trab.

Wie wenn du aus dem Kloster kommst und die erste Frau siehst. (über den ersten Job im Profi-Bereich)

Tim Walter kannte ich gar nicht vorher, bis ich mal etwas über ihn gelesen habe, wahrscheinlich auf diesem einen online Portal … Liga-Zwei.de oder so ähnlich. Er kommt aus der Jugend-Arbeit, ist ein anderer Typ als Markus Anfang, der lange Profi war.

Wenn du wie er zum ersten Mal im Profi-Geschäft arbeitest, bist du richtig geil darauf. Wie wenn du nach zehn Jahren aus dem Kloster kommst und siehst die erste Frau vorbeilaufen.
Ein drittes Jahr spielen sie aber nicht so solide … zumindest nicht, wenn sie aufsteigen. Nein, ohne Spaß: Die Voraussetzungen sind da, dass es so stabil weiter geht.

Was traut Ihr den „Störchen“ in dieser Saison zu? Diskutiert auf der Liga-Zwei.de-Facebook-Seite mit.

Bis demnächst,

Euer Patsche

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