Die Liga-Zwei.de-Sprechstunde: Interview Teil 3

Privatdozent Dr. Werner Krutsch im Gespräch

Autor: Andreas Breitenberger Veröffentlicht: Mittwoch, 07.10.20 | 10:05
Dr. Werner Krutsch im Trikot des VfB Stuttgart II, hier beim DFB-Pokalspiel gegen die erste Mannschaft des VfB.

Ex-Profi und Privatdozent Dr. Werner Krutsch jagt auch heute noch dem Ball hinterher. ©Imago/Sportfoto Rudel

Dr. Werner Krutsch ist Leiter der Sporttraumalogie der Uniklinik Regensburg und fungiert als Verbandsarzt beim Bayrischen Fußballverband sowie als stellvertretender Direktor am FIFA Medical Centre. In der Liga-Zwei.de-Sprechstunde begleitet er unsere Redaktion künftig als Experte und stellt dabei verschiedene Verletzungen sowie deren Behandlungsmethoden vor.

Im ersten Teil unserer Interview-Reihe, verriet Dr. Krutsch bereits, dass er früher selbst Profi war, sich dann jedoch für die Medizin entschied. Der zweite Part des Interviews mit dem angesehenen Sportmediziner handelte von den medizinischen Bereichen, in denen die Profivereine noch Nachholbedarf haben.

Im letzten Teil der Interview-Trilogie spricht Dr. Werner Krutsch über die modernen Formen der Trainingssteuerung und verrät, wie sich Mediziner bei der Ärzte-WM selbst versorgen.

Die Vereine haben gerade eine anstrengende Saisonvorbereitung hinter sich. Was ist aus medizinischer Sicht beim Training zu beachten?
Werner Krutsch: „Aus medizinischer Sicht sind mehrere Dinge zu beachten. Jeder Spieler im Profifußball braucht eine genaue Eingangsuntersuchung nach der Sommerpause. Das muss mittlerweile Standard sein. Danach sollte ein Formtest folgen, das ist mittlerweile ebenfalls Standard.

Im Profifußball ist es immer noch schwierig, die Spieler einzuschätzen, da sie mit teils sehr unterschiedlichen Leistungsständen zur Vorbereitung kommen. Die Nationalspieler haben eventuell den Sommer durchgespielt, andere Spieler haben im Urlaub nichts gemacht, wieder andere haben sich fit gehalten.

Diese Unterschiede im Performance-Level können mit den modernsten zur Verfügung stehenden Methoden analysiert werden. Nach individuellem Aufbau, kann die Mannschaft dann im Teamtraining, natürlich schnellstmöglich, schrittweise zusammengeführt werden.“

Michael Köllner führte beim 1. FC Nürnberg die Trainingssteuerung per App ein. Ist das die Zukunft, um Überbelastung zu vermeiden?
Krutsch: „Ja, das ist eins der modernen Tools die wir haben und das würde ich auf jeden Fall nutzen. Das subjektive Gefühl der Spieler ist ein wichtiger Indikator, wie es ihnen geht. Sie trauen sich nicht immer dies offen mitzuteilen, aber anonym z.B. über Apps ist es heutzutage durchaus möglich.

Generell trifft der Trainer immer noch seine eigenen Entscheidungen über die Trainingszusammenstellung, aber in Zeiten der steigenden Belastung und der geringeren Regeneration können diese Tools Vorteile bringen. Wichtig ist aber immer die Interpretation der Daten. Dies erfordert Fußballfachwissen der Beteiligten sowie Erfahrung mit dem verwendeten Tool, aber auch entsprechendes medizinisches Wissen.“

„ Da wird eine andere Sprache gesprochen, als normalerweise ”
über sein gutes Verhältnis zu seinen Patienten

Würden Sie sich selbst eher als Arzt bezeichnen der Fußball spielt, oder als Fußballer der Arzt ist?
Krutsch: „Als Fußballer, der Arzt geworden ist. Ich bin 17 Jahre Mediziner und genau solange habe ich auch den Fokus auf die Sportmedizin. Aber ich bin seit über 30 Jahren Fußballer und das überwiegt. Genauso behandle ich auch meine Patienten beziehungsweise die Kicker-Kollegen. Da wird eine andere Sprache gesprochen, als normalerweise. Es werden bestimmte Themen gleich direkter angesprochen, quasi Tacheles geredet.“

Kicken Sie selbst noch in Ihrer Freizeit und wie sieht es mit einer Vereinsbetreuung aus?
Krutsch: „Ja, ich war zuletzt auf der Ärzte-Fußballweltmeisterschaft in Österreich und versuchte für die Deutsche Fußballärztemannschaft selbst aktiv den Titel zu holen. Ansonsten stellt sich für mich jede Saison die Frage, ob ich mich wieder einem Verein anschließe und mitspiele; medizinisch die Betreuung übernehme oder nicht. Aktuell ist die Sportmediziner-Arbeit bei den Fußballverbänden neben meiner Klinikarbeit aber sehr erfüllend.“

„ Die Selbstdiagnose ist Standard ”
über Verletzungen bei Sportmedizinern

Die Ärzte-Fußballweltmeisterschaft, das klingt interessant.
Krutsch: „Es nehmen Ärzte aus 24 Ländern teil, die jeweils eine Nationalmannschaft bilden. In Deutschland screenen wir landesweit nach fußballspielenden Ärzten. Nächstes Jahr ist die WM in Prag, übernächstes Jahr dann in Cancun, Mexiko.

Favoriten sind meist die osteuropäischen Länder wie Tschechien und Ungarn, wo das Medizinstudium besser mit dem hochklassigen Fußball kompatibel ist. Aber 2013 konnten wir den Titel holen und hoffentlich demnächst mal wieder.“

Und wenn sich einer verletzt wird untereinander behandelt?
Krutsch: „Die Selbstdiagnose ist Standard. In unserer Mannschaft ist vom Gynäkologen bis zum Augenarzt alles mit dabei, die meisten sind allerdings Orthopäden. Gestern haben wir zum Beispiel eine ausgekugelte Schulter gleich auf dem Fußballfeld wieder eingerenkt.  

Es wurden aber auch schon Kniescheiben oder ausgekugelte Finger reingerenkt, Zungen aus dem Rachen geholt oder ähnliches. Wir können uns also sehr gut selbst medizinisch versorgen. Bei der Vorbeugung von Verletzungen hapert es allgemein aber noch ein bisschen.“

Herr Krutsch, vielen Dank für das Interview!

Wer steigt 2018 auf? Jetzt wetten!