Hertha-Leihgabe Michelbrink in Cottbus: „Wollitz erwartet viel, aber keine Wunderdinge“

Ob er zur Hertha zurückkehrt, warum er für Litauen spielt und von der WM träumen kann

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Donnerstag, 29.10.26 | 06:25
© IMAGO / Fotostand

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Lukas Michelbrink hat sich bei Energie Cottbus zum Stammspieler entwickelt und den Sprung in die litauische Nationalmannschaft geschafft. Im Interview mit LIGA-ZWEI.DE spricht der 21-Jährige, der von Hertha BSC ausgeliehen ist, über seine erste Zweitligasaison, die Zusammenarbeit mit Trainer Claus-Dieter Wollitz und Leonardo Bittencourt sowie seine Perspektive in Berlin. Außerdem erklärt der Mittelfeldspieler, warum er sich für Litauen entschieden hat.

Herr Michelbrink, Sie sind mit Cottbus aufgestiegen und nun Stammspieler in der 2. Liga, Claus-Dieter Wollitz und Leonardo Bittencourt loben Ihre Entwicklung, und auch in Litauens Nationalmannschaft haben Sie sich etabliert. Dieses Jahr hätte für Sie kaum besser laufen können?

Eigentlich hätte ich es mir kaum besser erträumen können. Natürlich hätten es ein paar Punkte mehr sein dürfen. Wir haben Spiele unglücklich verloren oder uns mit einem Punkt begnügen müssen, obwohl mehr drin war. Es waren aber auch ein, zwei glückliche Spiele dabei. Mit unserer fußballerischen Entwicklung können wir sehr zufrieden sein. Wir haben uns gut angepasst, als Mannschaft zusammengefunden und die Liga angenommen.

Sie spielen Ihre erste Saison in der 2. Bundesliga. Wie groß ist der qualitative Unterschied zur 3. Liga?

Den größten Unterschied sehe ich in der Physis und der Intensität. Die Spieler sind technisch weiter, das Spiel ist noch taktischer. Das kommt mir entgegen, weil ich eher über das Fußballerische komme. Ich glaube, das ist in der 2. Liga noch etwas mehr möglich als in der dritten. Ich habe mich die ganze Sommervorbereitung darauf gefreut, auf einem höheren Niveau zu spielen und zu zeigen, dass ich das kann. Deshalb bin ich sehr zufrieden damit, wie es gerade läuft.

Mit Leonardo Bittencourt haben Sie einen sehr erfahrenen Nebenmann im Mittelfeld. Welche Rolle spielen seine Erfahrung und Routine?

Eine sehr große. Es hilft mir auf und neben dem Platz, mich an ihm zu orientieren. Auf der Sechs sind wir relativ ähnliche Spielertypen, aber er hat viel mehr Erfahrung. Ich schaue mir auf dem Trainingsplatz Dinge ab. Auch im Spiel nimmt er mich unter seine Fittiche und zeigt mir, wo ich mich verbessern kann. Für meine Entwicklung ist das gerade ein perfektes Zusammenspiel.

Energie spielt als Aufsteiger mutig und offensiv. Zu Saisonbeginn fielen viele Tore, zuletzt endeten drei der vergangenen vier Spiele 1:1. Sind Sie auf der Suche nach mehr Balance zwischen Offensive und Defensive?

So könnte man es sagen. In der ersten Saisonphase haben wir viele kleine Fehler gemacht, die wir langsam abstellen. Gleichzeitig können sich die Gegner besser auf uns einstellen. Anfangs war es für manche Mannschaften überraschend, dass wir so offensiv spielen wollen. Mittlerweile wissen sie, worüber Cottbus kommt, können uns analysieren und ihr Spiel anpassen. Wir können uns defensiv verbessern, aber genauso offensiv. Wir sind noch nicht komplett gefestigt, das ist normal. Beim Marktwert gehören wir meines Wissens zu den Mannschaften am unteren Ende der Liga, und wir haben die wenigste Zweitligaerfahrung im Kader. Dafür zeigen wir sehr guten Fußball und können zufrieden sein.

Wie erleben Sie Trainer Claus-Dieter Wollitz bei der täglichen Arbeit?

Er sagt, was er denkt, und ist sehr ehrlich. Man weiß immer, woran man ist. Mir hat er immer gesagt, dass er mir vertraut, und sich auch öffentlich positiv geäußert. Er äußert sich nie negativ über jemanden aus der Mannschaft und baut keinen medialen Druck auf uns auf. Intern fordert er uns aber und setzt Maßstäbe. Wir sollen auch Dinge versuchen, die wir vielleicht noch nicht können. Er erwartet viel, aber keine Wunderdinge. Wir wissen, was er von uns hält und was wir liefern müssen. Das versuchen wir jede Woche auf den Platz zu bringen.

Von Hertha BSC ausgebildet und ausgeliehen

Sie sind in Berlin geboren und haben bei Hertha die Jugendmannschaften durchlaufen. Wie wurden Sie entdeckt?

Das lief ein bisschen über meinen Bruder, der schon einige Jahre vor mir zu Hertha gewechselt war. Über die Berliner Auswahl und die Sportschulen wurden sie auf mich aufmerksam. Mein Bruder hat außerdem erzählt, dass er einen Bruder hat, der ebenfalls gut kicken kann. So war ich schon früh im Gespräch und sollte mit acht oder neun Jahren zu Hertha gehen. Wir kommen aber aus dem Berliner Osten, und der Weg wäre in dem Alter sehr lang gewesen. Deshalb bin ich erst mit zwölf, mit dem Wechsel aufs Großfeld, zu Hertha gegangen. Das war für mich der beste Zeitpunkt, weil ich gleichzeitig auf die Oberschule kam und mich neu orientieren konnte.

Welche Rückschläge mussten Sie auf Ihrem Weg in den Profifußball überwinden?

Ich habe mir in der Jugend dreimal das Schlüsselbein gebrochen und musste außerdem am Schienbein operiert werden. Das hat mich immer wieder zurückgeworfen. Vielleicht hat es deshalb auch nicht ganz so früh für die Profis gereicht wie bei anderen. Ich komme weniger über die körperlichen Voraussetzungen als über das Fußballerische. Wenn man immer wieder einige Monate ausfällt, ist das für die Entwicklung ärgerlich. Hertha hat trotzdem immer mein Potenzial gesehen und mir die Möglichkeit gegeben, mich erst in der 3. Liga und jetzt in der 2. Liga zu zeigen. Das war für mich alles sinnvoll. Abgesehen von den Verletzungen gab es keine großen Rückschläge. Vielleicht haben sie sogar geholfen: Man achtet mehr auf seinen Körper. Schön wäre natürlich, wenn ich die Verletzungen damit schon aufgebraucht hätte und sie mir im Männerbereich erspart blieben.

In der Saison 2024/25 standen Sie zweimal im Profikader von Hertha. Wie nah waren Sie gefühlt an einem Einsatz, bevor Sie sich für die Leihe nach Cottbus entschieden haben?

Ich habe regelmäßig bei den Profis mittrainiert und hatte das Gefühl, gut mithalten und meine Qualitäten zeigen zu können. Die Situation bei Hertha war damals aber schwierig, um einen jungen Spieler mit wenig Erfahrung einzusetzen, der gerade sein erstes Jahr im Männerbereich spielte. Deshalb habe ich gemerkt, dass es schwer werden würde, dauerhaft genug Einsätze für meine Entwicklung zu bekommen. Wir sind gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass eine Leihe in die 3. Liga optimal wäre. Genauso war es. Ich habe mich schon als Teil der ersten Mannschaft gefühlt, aber auch verstanden, dass ich erst unter Beweis stellen muss, im Profibereich angekommen zu sein. Ich denke, das mache ich gerade.

Wie eng ist während Ihrer Ausleihe der Kontakt zu Hertha?

Wir tauschen uns regelmäßig aus, etwa alle zwei Wochen telefonieren wir. Ich versuche auch, ab und zu den Spielen zu fahren, soweit es mit unseren eigenen Partien vereinbar ist. Auf das direkte Duell in ein paar Wochen freue ich mich sehr.

Rechnen Sie damit, zur kommenden Saison nach Berlin zurückzukehren?

Ja, davon gehen wir aus.

Mit Litauen zur Weltmeisterschaft?

Themawechsel: Sie haben für die deutsche U18-Nationalmannschaft gespielt und sich anschließend für Litauen entschieden. Was war der Grund dafür?

Beim Lehrgang mit Deutschland habe ich gemerkt, wie groß der Konkurrenzkampf ist. Auf meiner Position gab es Spieler, an denen ich wahrscheinlich nicht vorbeigekommen wäre. Ehrlicherweise habe ich dort auch nicht so gespielt, dass ich alle von mir überzeugt hätte. Für Litauen empfinde ich genauso viel wie für Deutschland. Dort sah ich die Möglichkeit, internationale Erfahrung zu sammeln und mich auf Dauer in die A-Nationalmannschaft zu spielen. Das war seit meiner Kindheit ein Traum. Für meine sportliche Entwicklung war die Entscheidung sehr gut. Mein A-Länderspieldebüt im März hat mir noch einmal einen Schub gegeben. In den Wochen danach habe ich mich richtig beflügelt gefühlt. Insgesamt kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war.

Litauen hat sich noch nie für eine EM oder WM qualifiziert. Wie zuversichtlich sind Sie, das in Ihrer aktiven Karriere zu erleben?

Wenn UEFA und FIFA so weitermachen, ist sowieso bald jede Mannschaft dabei (lacht). Spaß beiseite: Ich glaube, dass in den nächsten Jahren viele junge Talente bei uns dazukommen. Nach der Unabhängigkeit sind einige Menschen nach England, Deutschland oder Spanien ausgewandert. In den Akademien dort tauchen immer wieder litauische Spieler auf. Ich schaue mir bei Transfermarkt manchmal die Kader unserer Nachwuchsnationalmannschaften an und sehe Spieler aus spanischen, englischen und deutschen Akademien. Deshalb glaube ich, dass wir in Zukunft eine Mannschaft mit viel Potenzial auf den Platz bringen können. Natürlich ist eine EM-Qualifikation sehr schwer, und auch auf dem Weg zur WM müssen wir uns gegen sehr starke Mannschaften durchsetzen. Aber mit etwas Glück und vielleicht noch mehr Ehrgeiz, dieses Ziel zu erreichen, können wir es schaffen.