Erzgebirge Aue: Interview mit Sören Bertram

"Ich galt als das Top-Talent"

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Freitag, 01.12.2017 | 12:30
Sören Bertram von Erzgebirge Aue

Freut sich auf das Sachsen-Derby. Aues Sören Bertram möchte an die guten Ergebnisse der vergangenen Jahre anknüpfen. ©Imago/Picture Point

In jungen Jahren war Sören Bertram eine der größten Nachwuchsversprechungen des deutschen Fußballs. Er gewann im selben Jahr die Fritz-Walter-Medaille wie Mario Götze, Andre Schürrle und Marc-André ter Stegen. Verschiedene Umstände haben jedoch dazu geführt, dass der Außenspieler den Umweg über die 3. Liga gehen musste.

Heute spielt der 26-Jährige beim FC Erzgebirge Aue und blickt dem Derby bei Dynamo Dresden (Sonntag 13:30 Uhr) entgegen. Im Liga-Zwei.de Interview spricht Bertram über die Situation in Aue, aber auch über seinen damaligen Ruf als Top-Talent und über Parallelen zum HSV-Stürmerjuwel Jann-Fiete Arp.

Herr Bertram, nach dem 1:1 gegen den VfL Bochum gab es vergangene Woche Pfiffe vom Publikum. Ist die Erwartungshaltung in Aue mittlerweile zu hoch?
Sören Bertram: „Die Erwartungshaltung ist aufgrund der Rückrunde sicherlich gestiegen. Aber man sollte nicht vergessen, wo wir herkommen. Letzte Saison hatten wir nach der Hinrunde nur 13 Punkte. Bereits jetzt stehen wir deutlich besser da. Damit können wir durchaus zufrieden sein.“

Die Saison begann mit einem Fehlstart und der Entlassung von Trainer Thomas Letsch. Es folgten der Interimstrainer Robin Lenk und nun Hannes Drews. War das schwierig für die Mannschaft?
Bertram: „Der Verein hat relativ schnell gemerkt, dass es mit Thomas Letsch nicht funktioniert. Das war die richtige Entscheidung. Danach haben wir uns gefangen.

Dann übernahm vorübergehend Robin Lenk die Mannschaft, der ja bereits in der vergangenen Saison mitgewirkt hatte. Dann kam Hannes Drews, der viele Inhalte von Lenk übernommen hatte. Die Umstellung war also nicht groß.“

„ Dass wir so etwas wie das gallische Dorf sind, hat einen Charme. ”
über das Image des FCE

Warum hat Ihre Mannschaft unter Thomas Letsch nicht funktioniert?
Bertram: „Das lässt sich schwer erklären. Vielleicht hat er Dinge von uns erwartet, die wir nicht umsetzen konnten. Vielleicht hat die Mannschaft auch nicht ganz an seine Philosophie geglaubt. Das hat sich in den Ergebnissen widergespiegelt.“

Das Ziel war eine sorgenfreie Saison. Ist das Spiel gegen Dynamo Dresden ein Fingerzeig?
Bertram: „Dresden hat mit Fortuna Düsseldorf eine starke Mannschaft besiegt. Unser Vorsprung auf Dynamo beträgt nur noch zwei Punkte. Zudem hat so ein Derby immer eine gewisse Brisanz. Die Tabellensituation verschärft die ganze Situation. In den letzten Jahren hat Aue in Dresden oft gute Ergebnisse erzielt. Daran möchten wir anknüpfen.“

Aue gilt als die typische Provinz-Mannschaft der 2. Bundesliga, ähnlich wie Sandhausen oder Heidenheim. Ist dieses Image angemessen?
Bertram: „Ich finde nicht. Aue lässt sich nicht mit Sandhausen oder Heidenheim vergleichen. Wenn ich sehe, dass uns etwa 5000 Auswärtsfans nach Nürnberg begleitet haben, ist das schon beachtlich. Ich glaube nicht, dass Sandhausen oder Heidenheim so viele Fans mitbringen. Der FC Erzgebirge Aue ist ein Traditionsverein. Dass wir so etwas wie das gallische Dorf sind, hat aber einen gewissen Charme.“

Sören Bertram im Trikot des HSV

Für den HSV lief Sören Bertram zweimal in der Bundesliga und einmal in der Europa League auf. ©Imago/Christian Schroedter

Lassen Sie uns über Ihre Karriere sprechen: Im Jahre 2009 haben Sie die Fritz-Walter-Medaille in Silber verliehen bekommen und zählten somit zu den zwei besten deutschen Talenten Ihres Jahrgangs.

Im gleichen Jahr wurden Stars wie Mario Götze, Andre Schürrle und Marc-André ter Stegen ausgezeichnet. War diese Auszeichnung ein Segen oder schürte das auch zu hohe Erwartungen?
Bertram: „Diese Auszeichnung ist für mich noch immer eine große Ehre. Die Medaille liegt auch noch zu Hause bei meinen Eltern. Aber natürlich hatte diese Auszeichnung auch zur Folge, dass ich häufiger in der Presse stand als andere junge Spieler. Ich galt als das Top-Talent. Vielleicht konnte ich damit als junger Spieler noch nicht richtig umgehen.“

„ Er ist charakterlich sicherlich weiter als ich in dem Alter. ”
über HSV-Talent Fiete Arp

Inwiefern?
Bertram: „Es ist ein Lernprozess, mit diesen Vorschusslorbeeren umzugehen. Vielleicht habe ich im Unterbewusstsein gedacht: Ich spiele U-Nationalmannschaft, ich habe die Fritz-Walter-Medaille bekommen – möglicherweise macht man dadurch im Training einen Schritt weniger.

Dann haben mich auch einige Verletzungen von Größerem abgehalten. Vielleicht hat mir auch der Mut gefehlt, auf dem Platz etwas Besonderes zu machen. Ich habe mich dann oft eher in das zweite Glied zurückfallen lassen.“  

Als Sie die Medaille gewannen und als Top-Talent galten, haben Sie beim Hamburger SV gespielt. Erinnert Sie der aktuelle Rummel um HSV-Mega-Talent Jann-Fiete Arp an Ihre eigene Geschichte?
Bertram: „Ich musste tatsächlich schon einige Male daran denken, dass es bei mir ähnlich war. Er hat ja auch die Fritz-Walter-Medaille gewonnen. Bei Jann-Fiete Arp ist der Rummel sicherlich noch etwas größer, weil er die letzten vier Spiele tolle Leistungen abgeliefert und zwei Tore gemacht hat. Er ist sicherlich viel weiter als ich es in dem damaligen Alter war – gerade charakterlich.“

War es in einer Medienstadt wie Hamburg besonders schwierig, sich als Top-Talent in Ruhe weiterzuentwickeln? Wäre das in Aue vielleicht einfacher gewesen?
Bertram: „Das weiß ich nicht. Für mich war es eine tolle Erfahrung, beim HSV alles mitzuerleben. Ich komme dort aus der Gegend. Meine ganze Familie ist HSV verrückt. Der HSV war mein Verein und wird das wohl immer bleiben. Ich möchte diese Zeit also nicht missen.“

Trotzdem war der HSV damals ein Verein, der dem eigenen Nachwuchs kaum eine Chance gab…
Bertram: „Ja, vielleicht war ich zum falschen Zeitpunkt dort. Es war natürlich eine tolle Erfahrung, zum Beispiel auch in der Europa League dabei zu sein. Aber die Mannschaft war eben sehr stark besetzt. Wir hatten Top-Stars wie Ze Roberto, Jerome Boateng und Ruud van Nistelrooy in der Mannschaft. Da ist es als 18-Jähriger schwer, sich durchzusetzen.“

„ Vielleicht führt der Weg noch einmal in die Bundesliga. ”
über weitere Karriere-Ziele

Warum hat es auch beim VfL Bochum nicht so richtig geklappt?
Bertram: „Bei Bochum hatte ich akutes Nierenversagen. Das hat mich natürlich zurückgeworfen. Ohnehin war das keine gute Saison. Es war daher der richtige Schritt, zwei Schritte zurückzumachen, um dann wieder vorwärts zu kommen. Ich bin dann zum Halleschen FC in die 3. Liga gewechselt. Dort habe ich mich charakterlich weiterentwickelt und mich auch persönlich superwohl gefühlt.“

Ist es dennoch schwer zu akzeptieren, 2009 noch zu den Top-Talenten neben Mario Götze gezählt zu haben und später dann 2. oder sogar 3. Liga zu spielen?
Bertram: „Ich muss zugeben, dass es solche Gedanken gegeben hat. Aber mit einem Mario Götze konnte ich mich eh nie vergleichen. Der war damals schon der absolute Ausnahmespieler. Ich bin eben einen anderen Weg gegangen.

Ich bin einfach froh, dass ich gesund bin, meine Spiele machen kann und auch meine Tore erziele. Und wer weiß: Vielleicht führt der Weg ja doch irgendwann noch einmal in die Bundesliga. Das wäre jedenfalls sehr schön.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Bertram!

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