Marvin Wanitzek über KSC-Krise im Interview: „Das ist nicht unser Anspruch“

Sechs Spiele ohne Sieg, vier Pleiten: Nach dem 0:2 bei St. Pauli spricht KSC-Kapitän Marvin Wanitzek über die Krise, aberkannte Tore und den Weg aus dem Tief.

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Sonntag, 11.10.26 | 18:22

© IMAGO / Sportfoto Rudel

© IMAGO / Sportfoto Rudel

Der Karlsruher SC steckt tief in der Krise: Auch im sechsten Spiel in Folge blieb der KSC sieglos, kassierte beim 0:2 gegen den FC St. Pauli bereits die vierte Niederlage in diesem Zeitraum. Kapitän Marvin Wanitzek spricht im Interview über die schwierige Situation, zwei aberkannte Treffer und die Frage, wie die Mannschaft aus dem Tabellenkeller kommen will.

Herr Wanitzek, der KSC hat auch beim FC St. Pauli verloren. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Marvin Wanitzek: Am Ende reicht es nicht. Dazu kommt in unserer aktuellen Phase, dass uns einfach das Momentum fehlt. Es hätte uns extrem gutgetan, durch das Standardtor in Führung zu gehen. Ich habe im Nachhinein gehört, dass es durchaus fraglich war, ob man das wirklich abpfeifen muss. Im Endeffekt entscheiden Kleinigkeiten. Aber wir müssen auch schauen, wie die Gegentore fallen. Das zweite entsteht wieder nach einem Standard. Wir haben versucht, die Idee des Trainers umzusetzen, und wollten über 98 Minuten nach vorne anlaufen. Aber letztlich hatten wir in der zweiten Halbzeit, glaube ich, nur zwei Torchancen. Solche Momente musst du dann auch mal nutzen, um zurück ins Spiel zu kommen. Und dann gab es noch das Abseitstor von Lee. Ansonsten hatte der gegnerische Torwart, so ehrlich müssen wir sein, relativ wenig zu tun.

Bei dem aberkannten Treffer in der 2. Halbzeit kam der Ball zuvor vom Gegner, trotzdem wurde auf Abseits entschieden. Wie haben Sie die Entscheidung wahrgenommen?

Wanitzek: Anscheinend war es kein kontrolliertes Spielen des Balls. Ich weiß es auch nicht genau. Man hat gesehen, dass der Ball vom Gegner kam. Die Schiedsrichter haben kurz kommuniziert, die Fahne ging erst spät hoch. Wie die Kommunikation dann genau abläuft, weiß ich nicht. Natürlich kommt das in unserer Situation noch dazu. Ich habe es eingangs schon gesagt: So ein Dosenöffner würde uns und der gesamten Mannschaft gerade extrem guttun. Aber den gab es heute nicht. Deshalb fahren wir wieder mit leeren Händen nach Hause.

Ist die Entwicklung der vergangenen Wochen besorgniserregend, oder lässt sie sich angesichts der vielen Veränderungen innerhalb der Mannschaft erklären?

Wanitzek: Es gab viele Veränderungen. Zu Beginn der Saison hatten wir ein Momentum, da hat schon vieles funktioniert. Dann gab es mit Cottbus und Nürnberg einen kleinen Rückschlag. Jetzt hatten wir drei Wochen Zeit, uns alle zu reflektieren. Spieler und Trainerteam haben viel miteinander gesprochen. Wir wollten heute unbedingt etwas Zählbares mitnehmen, weil die aktuelle Tabellensituation natürlich nicht schön ist. Da helfen am Ende nur Punkte.

Der KSC steckt in einer schwierigen Situation

Wanitzek: Mir ist egal, ob wir am sechsten, siebten oder 25. Spieltag stehen. Du musst punkten, damit du die Situation wieder etwas ruhiger gestalten kannst. Wenn wir das nicht schaffen, wird es ungemütlich. Das ist klar. Wir werden wieder alles analysieren, der Trainer wird die Dinge ansprechen und sich einen Plan für Darmstadt einfallen lassen. Dann müssen wir versuchen, drei Punkte zu holen. Das ist enorm wichtig. Die Situation ist gerade nicht schön, aber da müssen wir durch. Es ist erst der siebte Spieltag. Lieber haben wir diese Phase jetzt als am Ende der Saison. Trotzdem müssen wir zusehen, dass wir zeitnah wieder in die Spur kommen.

Beide aberkannte Treffer sind strittig. Das vermeintliche Führungstor Ihrer Mannschaft in der 1. Halbzeit wurde wegen eines minimalen Schubs aberkannt. Wie ärgerlich ist das gerade in Ihrer Situation?

Wanitzek: Ich habe jetzt auch gehört, dass man das wohl nicht zwingend pfeifen muss. Aber genau das ist so ein Moment, der heute wieder nicht auf unsere Seite fällt. Ich glaube, es hätte der Mannschaft extrem gutgetan, mal in Führung zu gehen. Stattdessen bekommen wir wieder ein unnötiges Gegentor. Wir schaffen es momentan auch nicht, die Null zu halten. So ehrlich müssen wir sein. Dann musst du auswärts eben auch mal versuchen, bis zum Ende das eigene Tor zu schützen und wenigstens einen Punkt mitzunehmen. Du kannst nicht jede Woche Rückstände aufholen.

Der Trainer hat einige markante Veränderungen vorgenommen und unter anderem auf eine Dreierkette umgestellt. Dazu kamen Spieler auf ungewohnten Positionen. Sind diese Maßnahmen zunächst verpufft?

Wanitzek: Natürlich ist klar, dass einige Jungs erst einmal auf ungewohnten Positionen gespielt haben. Aber ich glaube, sie haben trotzdem die Qualität, das umzusetzen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Maßnahmen verpufft sind. Vielleicht gab es den einen oder anderen Ballverlust im Mittelfeld zu viel. Das ist bei jungen Spielern auch ein Stück weit normal. Aber in der zweiten Liga geht es zur Sache. Da werden einfache Fehler schnell zu Torchancen oder Gegentoren. Deshalb würde ich nicht sagen, dass die Umstellungen verpufft sind. Wir hatten uns etwas Spezielles einfallen lassen. Ich finde aber, dass die Niederlage wenig damit zu tun hatte.

Der KSC ist erstmals seit rund sechs Jahren wieder auf einem Abstiegsplatz in einen Spieltag gegangen. Wie sehr belastet Sie diese Situation, gerade auch als Kapitän?

Wanitzek: Absolut. Natürlich ist es gerade nicht schön, wenn man auf die Tabelle schaut. Wichtig wird sein, dass wir das nicht zu sehr an uns heranlassen. Gleichzeitig müssen wir uns der Situation absolut bewusst sein. Wir wissen, dass wir da nur mit Siegen und Punkten wieder herauskommen. Gerade bei unserer jungen Mannschaft müssen wir erfahrenen Spieler versuchen, die nötige Sicherheit zu geben. Das machen wir auch. Jetzt gibt es nur eines: Wir müssen gemeinsam versuchen, den Schalter umzulegen. Denn sieben Spiele, fünf Punkte, sechs geschossene Tore und, glaube ich, 14 Gegentore – das ist die Wahrheit. Aber das ist nicht unser Anspruch.