Erzgebirge Aue: Interview mit Hannes Drews

„Das Adrenalin lässt einen nicht los“

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Freitag, 06.04.2018 | 10:36
Trainer Hannes Drews vom FC Erzgebirge Aue

Hannes Drews schaffte es vom Versicherungskaufmann zum Trainer in der 2. Bundesliga. ©Imago/Revierfoto

Der FC Erzgebirge Aue befindet sich zwar in akuter Abstiegsnot, hat aber mit sieben Spielen ohne Niederlage zuletzt eine Erfolgsserie hingelegt. Samstag steht das nächste „Abstiegs-Endspiel“ gegen den FC St. Pauli an. Im Liga-Zwei.de Interview spricht Trainer Hannes Drews über den Aufschwung von Aue, aber auch über seinen Weg in den Profifußball und schlaflose Nächte.

Es ist noch gar nicht so lange her, da kassierte Ihre Mannschaft drei Niederlagen in Folge. Nun ist der FC Erzgebirge Aue seit sieben Spielen ungeschlagen. Was ist mit der Mannschaft passiert?
Hannes Drews: „Wir haben auch bei den drei Niederlagen teilweise sehr ordentlich gespielt, nur nicht die erforderlichen Ergebnisse erzielt. Wir haben uns danach alle zusammengesetzt und klargestellt, dass wir nun alle Kräfte bündeln müssen, um den Turnaround zu schaffen.“

Inwiefern hängt das auch damit zusammen, dass Stürmer Pascal Köpke nach einer längeren Durststrecke nun wieder trifft?
Drews: „Natürlich ist es gut, wenn er trifft. Aber würden die übrigen zehn Spieler schwach spielen, würde das auch nicht helfen. Alle tragen ihren Teil dazu bei. In Regensburg fand ich zum Beispiel die Leistung unserer Defensive herausragend.“

„ Wären alle fit, gehört St. Pauli zu den Top 5 oder 6. ”
über den kommenden Gegner

Der kicker hat geschrieben, Ihre Mannschaft hätte einen guten Stamm von 13, 14 Spielern, danach aber ein hohes Leistungsgefälle. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Drews: „Sicherlich sind einige Spieler etwas weiter als andere. Trotzdem finde ich, dass wir einen relativ ausgeglichenen Kader haben. Bestes Beispiel ist Sebastian Hertner, der gegen Regensburg in der Startelf stand und ein sehr gutes Spiel gemacht hat.

Auch Philipp Riese, der vorher vielleicht etwas hintendran hing, hat die letzten beiden Spiele von Anfang an gemacht und gut gespielt. Ich finde, wir konnten Sperren und Verletzungen bislang gut kompensieren.“

Nun geht es am Samstag gegen den FC St. Pauli, die vor der Saison eher noch als Aufstiegskandidat galten und nun auch den Blick in der Tabelle nach unten richten müssen. Wie schätzen Sie den Gegner ein?
Drews: „Wenn man sich den Kader von St. Pauli anguckt, ist es nachvollziehbar, dass viele Experten diese Mannschaft als Aufstiegskandidat gesehen haben. Man muss allerdings dazu sagen, dass St. Pauli viele Verletzungsausfälle hatte. Wären alle fit, gehört St. Pauli zu den Top 5 oder Top 6.“

Themawechsel: Sie sind gelernter Versicherungskaufmann und haben als Spieler keinerlei Profierfahrung. Wann reifte der Entschluss, dass Sie es als Trainer in den bezahlten Fußball schaffen möchten?
Drews: „Ich war bereits während meiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann immer bei meinem Heimatverein im Fußball tätig, weil ich mich einfach dafür interessiert habe. Hätte mir damals aber jemand gesagt, dass ich zehn Jahre später Trainer in der 2. Bundesliga sein würde, hätte ich laut losgelacht.“

Was ist denn notwendig, um es praktisch als Nobody zum Cheftrainer im Profifußball zu bringen?
Drews: „Wichtig sind erst einmal die Trainerscheine. Nicht nur wegen dem Knowhow, sondern auch wegen der vielen Kontakte, die man während der Lehrgänge knüpft. Zudem sollte man immer über den Tellerrand hinausschauen, nicht nur im eigenen Verein arbeiten, sondern auch in anderen Clubs hospitieren.

Ich habe das beispielsweise unter Ewald Lienen beim FC St. Pauli gemacht. Letztendlich kostet der Weg in den Profifußball viel Kraft, viel Mühe und viel Disziplin. Und natürlich braucht man auch etwas Glück.“

„ Im Endeffekt zählt nur, ob man gewinnt oder verliert. ”
über den Unterschied zwischen Jugend- und Profibereich

Wie hat Ihr Weg ausgesehen?
Drews: „Der erste Schritt war, dass ich Jugendtrainer bei Holstein Kiel wurde. In diesem Punkt hatte ich Glück: Aufgrund der Zertifizierung musste das Nachwuchsleistungszentrum mit hauptamtlichen Stellen erweitert werden. Da habe ich zugegriffen.“

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit eines Trainers im Profifußball von der im Amateur- und Jugendfußball?
Drews: „Die größten Unterschiede sind die mediale Präsenz und der Umgang mit Siegen und Niederlagen. Im Jugendbereich geht es vorrangig darum, Spieler weiterzuentwickeln. Im Profifußball hingegen zählt im Endeffekt nur, ob man gewinnt oder verliert. Die Arbeit auf dem Trainingsplatz, die Übungen und Erklärungen, sind hingegen fast gleich.“

Wie entstand der Kontakt zum FC Erzgebirge Aue überhaupt?
Drews: „Eines Tages klingelte das Telefon und der Präsident Helge Leonhardt war dran. Danach fand ein Gespräch vor Ort in Aue statt.“

„ Ich habe einiges von Ewald Lienen gelernt. ”
über Trainer-Vorbilder

Sie haben sich während des Lehrgangs zum Fußballlehrer ein Zimmer mit Domenico Tedesco geteilt, der in der vergangenen Saison den FC Erzgebirge Aue trainiert hat und nun Trainer von Schalke 04 ist. Haben Sie sich mit ihm ausgetauscht, bevor Sie nach Aue gegangen sind?
Drews: „Ja, aber erst nachdem ich vor Ort gewesen und mir alles angehört habe. Ich wollte mir zunächst selber ganz unvoreingenommen ein Bild verschaffen. Danach habe ich Domenico angerufen. Er hat mir durchweg Positives berichtet. Gerade was die Mitarbeiter und die Leute drumherum betrifft, die für diesen Verein leben.“

Von welchen Trainern haben Sie sich inspirieren lassen?
Drews: „Da gibt es viele Trainer. Natürlich wäre da ein Pep Guardiola, der seine Mannschaft einen sehr interessanten Fußball spielen lässt. Aber ich bewundere auch Christian Streich dafür, welch tollen Job er macht, obwohl ihm in Freiburg immer die besten Spieler weggekauft werden.

Auch Lucien Favre fand ich sehr interessant, als er noch in Gladbach gearbeitet hat. Und wie erwähnt habe ich in meiner Hospitanz auch einiges von Ewald Lienen gelernt.“

„ Ich lag bis nachts um drei mit offenen Augen im Bett. ”
über die Nacht dem Sieg gegen Fürth

Seit dem Interview von Per Mertesacker wird im Fußball viel über Leistungsdruck gesprochen – allerdings meist nur aus Spielersicht. Wie erleben Sie den Leistungsdruck als Trainer?
Drews: „Spieler können den Druck abbauen, indem sie sich bewegen. Als Trainer ist es etwas schwieriger, den Druck abzubauen, weil man halt draußen steht. Ich kann die Aussagen von Herrn Mertesacker jedenfalls gut nachvollziehen und glaube, dass es noch viel mehr Trainer und Spieler gibt, die über ähnliche Probleme klagen.

Die Nacht vor oder nach einem Spiel schlafe ich jedenfalls auch nicht optimal. Oft bin ich noch Stunden nach einem Spiel total aufgewühlt. Nach dem Spiel gegen Greuther Fürth lag ich noch nachts um drei Uhr mit offenen Augen im Bett, obwohl wir das Spiel gewonnen haben. Das Adrenalin lässt einen so schnell nicht los.“

Herr Drews, vielen Dank für das Interview!

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