VfL Osnabrück: Interview mit Benjamin Schmedes

„Dann steht einer weiteren Zusammenarbeit nichts im Wege“

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Donnerstag, 03.12.2020 | 11:53
Benjamin Schmedes vom VfL Osnabrück

Benjamin Schmedes arbeitet unermüdlich für den VfL. ©Imago images/Nordphoto

Benjamin Schmedes ist das Gesicht hinter dem Aufschwung des VfL Osnabrück. Als er im Dezember 2017 den Posten als Sportdirektor antrat, drohte dem Verein der Absturz in die Regionalliga. Nun zählt Osnabrück tabellarisch zu den Top-Mannschaften der 2. Bundesliga. Mit Liga-Zwei.de spricht der 35-Jährige über die bislang erfolgreiche Saison, die Ambitionen des VfL und über seinen eigenen Werdegang.

Herr Schmedes, der VfL Osnabrück hat im vergangenen Sommer Schlüsselspieler wie Moritz Heyer, Marcos Alvarez und Felix Agu verloren, musste den Trainer ziehen lassen und hat einen der geringsten Etats der 2. Bundesliga. Wie ist es zu erklären, dass Ihre Mannschaft dennoch ganz oben mitspielt?
Benjamin Schmedes: „Es ist richtig, wir hatten im Sommer einen großen Umschlag. Auch dadurch galten wir für viele Außenstehende als Abstiegskandidat. Das haben wir aber zu keinem Zeitpunkt an uns herangelassen.

Stattdessen haben wir die notwendigen Veränderungen als Chance gesehen uns fußballerisch weiterzuentwickeln. Nach neun Saisonspielen fühlen wir uns bisher bestätigt. Aus meiner Sicht verfügt der Kader trotz zahlreicher Ab- und Neuzugänge mindestens über die Qualität der Vorsaison.“

Kann der VfL Osnabrück vielleicht sogar über die ganze Saison oben mitspielen?
Schmedes: „Mich interessiert gar nicht so sehr der Tabellenplatz, sondern vielmehr die bisher erreichte Punktzahl und unsere Art zu spielen. Hier liegen wir sicherlich über den Erwartungen. Wir wissen aber auch, dass alle Spiele sehr eng waren. Letztendlich ist die Tabellensituation nach dem 9. Spieltag immer nur eine Momentaufnahme.“

über den Wert von Erfahrung
„ Viel wichtiger ist die inhaltliche Qualität ”

Ihre Mannschaft verlor vergangene Woche Montag mit 1:4 gegen den 1. FC Nürnberg. Wie erleichtert sind Sie, dass Ihre Mannschaft vier Tage später ein, wenn auch sehr glückliches, 1:0 beim FC St. Pauli zustande gebracht hat?
Schmedes: „Die Auswirkungen einer 1:4-Niederlage auf die Mannschaft lassen sich im Vorfeld des nächsten Spiels nur bedingt einschätzen. Wir haben bei dem Spiel gegen St. Pauli Nachwirkungen gesehen, vor allem in den Bereichen Ballsicherheit und Passspiel. Da haben wir viele einfache Fehler gemacht. Aber Fußball ist ein Ergebnissport.

Mit der Breite in unserem Kader können wir durch entsprechende Wechsel immer wieder Impulse setzen. Genau das war auch am Millerntor der Fall (der eingewechselte David Blacha erzielte den Siegtreffer, Anm.d.Red.). Der Sieg war in der Entstehung sicherlich etwas glücklich. Aber wenn man selbst einen Treffer erzielt und kein Gegentor zulässt, muss man sich für die drei Punkte nicht entschuldigen.“

Sie hatten vor Ihrer Station in Osnabrück keine Erfahrung als Sportdirektor. Auch der frühere Trainer Daniel Thioune und der aktuelle Trainer Marco Grote brachten keine Erfahrung als Cheftrainer im Profifußball mit. Wird Erfahrung überbewertet?
Schmedes: „Nein, ich würde das weder über- noch unterbewerten. Erfahrung kann sehr hilfreich sein. Aber viel wichtiger ist die inhaltliche Qualität. Diese muss mit der Ausrichtung des Clubs zusammenpassen.“

über die Infrastruktur des VfL
„ Wir arbeiten stärker als es die Rahmenbedingungen hergeben ”

Der VfL Osnabrück kämpft um ein modernes Trainingszentrum mit Nachwuchsleistungszentrum – bislang ohne Erfolg. Auch das Stadion an der Bremer Brücke ist in die Jahre gekommen. Wie ist der Stand der Dinge?
Schmedes: „Wir müssen in unsere Trainingsbedingungen investieren. Unsere Plätze bieten kaum die Möglichkeit, den kompletten Winter durchzutrainieren. Auch die Räumlichkeiten in unserem Trainingszentrum reichen nicht aus. Diese sind sehr in die Jahre gekommen und die Anforderungen an professionelles Arbeiten sind deutlich gestiegen.

Zudem sind wir mit unserem Trainer- und Funktionsteam gewachsen. Infrastrukturell sind wir sehr begrenzt. Wir arbeiten inhaltlich stärker als es die Rahmenbedingungen hergeben.“

Würden Sie sich mehr Unterstützung von der Stadt wünschen?
Schmedes: „Ich bin in die politischen Dinge nicht allzu sehr involviert. Dafür sind andere Personen im Verein zuständig, vor allem unser Präsident Manfred Hülsmann. Fakt ist aber, dass wir uns in unserem zweiten Zweitliga-Jahr befinden und noch immer nicht wissen, inwiefern investiert werden kann. Ich halte kurzfristige Veränderungen für zwingend notwendig. Ich weiß aber auch, dass politische Dinge manchmal ihre Zeit brauchen.“

über die verhinderte Profi-Karriere
„ Ich hatte das ein oder andere athletische Defizit ”

Sprechen wir ein wenig über Ihren Werdegang: Als Spieler waren Sie unter anderem bei der 2. Mannschaft von Werder Bremen und Hannover 96 aktiv. Was hat Ihnen damals gefehlt, um selbst Profi zu werden?
Schmedes: „Meist fehlen einfach Kleinigkeiten. Mit jeder Jahrgangsstufe wird es immer enger. Auf meinen Positionen, ich war Innenverteidiger und defensiver Mittelfeldspieler, ist es besonders schwierig, als junger Spieler durchzustarten. Zudem hatte ich leider das ein oder andere athletische Defizit.“

Stattdessen haben Sie Karriere abseits des aktiven Fußballs gemacht. Sie studierten Master of Science in Sport Management an der Deutschen Sporthochschule in Köln. 2014 wurden Sie Chefscout des Hamburger SV. Wie kamen Sie zu dieser Position?
Schmedes: „Ich bin bereits 2009 als Praktikant beim Hamburger SV eingestiegen. Nach einem halben Jahr wurde mir eine Festanstellung angeboten. Ich konnte seinerzeit 30 Stunden pro Woche beim HSV im Nachwuchsleistungszentrum arbeiten und parallel dazu mein Studium in Köln absolvieren.“

Sie sollen den VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend zufällig vor der AWD-Arena in Hannover kennengelernt haben, weil dort mit der Hinterlegung Ihrer Karte etwas schieflief. Er bot Ihnen dann eine seiner Karten an, wodurch Sie ins Gespräch kamen. Später stellte er Sie als Sportdirektor ein. Ist dies das beste Beispiel dafür, wie sehr das Leben von Zufällen bestimmt ist? Wären Sie ansonsten heute vielleicht gar nicht Sportdirektor des VfL Osnabrück?
Schmedes: „Die Geschichte stimmt. Wir haben uns dadurch zufällig kennengelernt und blieben anschließend in Kontakt. Ich bezweifele aber, dass dies der ausschlaggebende Punkt war, der zu einem gemeinsamen beruflichen Weg führte. Letztendlich sind inhaltliche Qualitäten und gegenseitige Überzeugung wichtiger als Zufälle.“

über Kriterien für den Verbleib beim VfL
„ Wir müssen den nächsten Schritt gehen ”

Wie groß war die Umstellung, als Sie dann nach Osnabrück gegangen sind und dort als Sportdirektor ein viel größeres Aufgabenspektrum hatten?
Schmedes: „Für mich war diese Position der nächste logische Schritt. Bevor ich beim HSV als Leiter der Scoutingabteilung aktiv wurde, war ich als Assistent des gesamten Vorstands tätig. In dieser Funktion habe ich viel Vorstands- und Gremienarbeit gemacht. Dadurch hatte ich den HSV aus einer General-Management-Perspektive kennengelernt.

Durch meine darauffolgende Tätigkeit im Scouting habe ich sehr eng mit dem sportlich Verantwortlichen zusammengearbeitet, konnte mir ein umfangreiches Netzwerk aufbauen und auch inhaltlich viel mitnehmen. Als Sportdirektor vereine ich beide Bereiche miteinander. Der größte Unterschied ist, dass ich nun als Sportdirektor die Gesamtverantwortung für den sportlichen Bereiche trage und diese entsprechend auch in der Öffentlichkeit vertrete.“

Ihr Vertrag läuft lediglich bis zum Sommer. Sie werden vielfach mit anderen Vereinen in Verbindung gebracht. Unter welchen Umständen könnten Sie sich einen längeren Verbleib in Osnabrück vorstellen? Hängt das zum Beispiel auch von der Infrastruktur ab, über die wir bereits gesprochen haben?
Schmedes: „Das ist nur ein Baustein, auf den allein ich diese Entscheidung aber nicht reduzieren möchte. Grundsätzlich geht es mir um Weiterentwicklung in allen Bereichen. Nach dem sportlichen Bereich müssen wir nun auch infrastrukturell, organisatorisch und wirtschaftlich den nächsten notwendigen Schritt gehen, um den sportlichen Erfolg nachhaltig abzusichern.

Wenn meine Ziele mit denen des Clubs deckungsgleich sind, steht einer weiteren Zusammenarbeit nichts im Wege.“

Letzte Frage: Wir haben gerade über Ihre Vergangenheit beim HSV gesprochen. Sie kennen den Verein und Sie kennen auch Daniel Thioune. Wie beurteilen Sie die Situation in Hamburg, die Thioune selbst als Krise bezeichnet?
Schmedes: „Das ist schwer aus der Ferne zu beurteilen. Der HSV hat einen herausragenden Start hingelegt. Es ist aber völlig normal, dass man nicht einfach durch diese Liga fliegt. Schwierige Phasen gehören dazu. Das dürfte auch den Verantwortlichen klar gewesen sein. Daniel ist ein sehr guter Trainer, er wird mit dem Umfeld gut zurechtkommen und die Mannschaft wieder in die richtige Richtung lenken.“

 

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