Julian Krahl vom 1. FC Kaiserslautern: „Ohne Zufall wird man es oft nicht schaffen“
Zudem spricht der FCK-Torwart über Anfeindungen im Netz
© IMAGO / Rene Schulz
Julian Krahl gibt dem 1. FC Kaiserslautern Rückhalt. Im Interview mit LIGA-ZWEI.DE spricht der Torhüter über die defensive Stärke des FCK, seinen Weg zur Nummer eins, Vorbild Oliver Kahn und den Umgang mit Anfeindungen in sozialen Medien.
Herr Krahl, der 1. FC Kaiserslautern ist stark in die Saison gestartet. Wie blicken Sie auf die ersten Spieltage zurück?
Wir konnten vieles umsetzen, was wir uns in der Vorbereitung vorgenommen haben. Einige Dinge laufen vielleicht noch nicht ganz so, wie wir uns das vorstellen. Daran arbeiten wir. Erst einmal ist es gut, mit einigen Punkten aus dem Saisonstart herauszukommen.
Was gefällt Ihnen noch nicht? Immerhin sind Sie in vier von sechs Ligaspielen ohne Gegentor geblieben.
Magdeburg würde ich fast außen vor lassen. Da hat die defensive Stabilität nicht funktioniert, die wir zuvor gezeigt hatten. Mit dem Ball wollen wir dominanter sein, mehr Ruhe haben und Kontrolle ins Spiel bekommen. Außerdem müssen wir ein Spiel wie gegen Braunschweig zügiger zumachen. Wir hatten Chancen, das Ergebnis deutlicher zu gestalten. Da müssen wir noch sauberer zu Ende spielen.
Hat es beim Saisonstart geholfen, dass die Mannschaft im Kern zusammengeblieben ist?
Natürlich ist es gut, wenn viele Jungs den Plan kennen. Aber man kann auch 17 neue Spieler holen und es funktioniert sofort. Oder man hält dieselbe Mannschaft zusammen und plötzlich geht nichts mehr. Vieles hängt von der Einstellung und davon ab, wie es zusammenpasst. Bei uns hat es gut gepasst. Die Neuen haben sich aber auch sehr gut integriert und helfen uns extrem.
Mit dem Pokalspiel gegen Waldhof Mannheim sind Sie in fünf von sieben Spielen ohne Gegentor geblieben. Was macht diese Stabilität aus?
Das zeichnet die gesamte Mannschaft aus und die Art, wie wir gegen den Ball arbeiten. Da sind Energie und der unbedingte Wille vorhanden, das Tor zu verteidigen, Angriffe abzufangen und sich in jeden Ball reinzuhauen. Besonders die Defensive macht einen riesigen Job. Wir wissen aber, dass Phasen mit weniger Spielglück kommen, in denen der Ball vom Gegner nicht an den Pfosten geht oder ein Elfmeter nicht über das Tor, sondern die Bälle reingehen. Dann müssen wir denselben Ehrgeiz zeigen und weitermachen. Wir wollen jeden Angriff verhindern.
Sie haben mit vier Jahren mit dem Fußball angefangen. Wann entstand Ihr Interesse am Torwartspiel?
Eigentlich direkt am Anfang. Genau weiß ich es nicht mehr. Ich glaube, der Torhüter kam nicht zum Spiel oder war krank. Dann hieß es: „Geh du doch rein.“ Das hat mir Spaß gemacht. Seitdem war es für mich das Schönste am Fußball, im Tor zu stehen.
Haben Sie zwischendurch auch als Feldspieler gespielt?
Immer wieder, weil ich auch daran Spaß hatte, viel laufen und mich bewegen wollte. Aber Bälle zu halten war trotzdem schöner, als Tore zu schießen.
Oliver Kahn war früher Ihr Vorbild. Was hat Sie fasziniert?
Ich mochte seine Emotionalität und seinen unbedingten Willen, Gegentore zu verhindern. Es hat ihn angekotzt, ein Gegentor zu bekommen. Diesen Willen und Ehrgeiz fand ich bewundernswert. Bei mir war es ähnlich: Ich war sehr sauer und gefrustet, wenn ich ein Gegentor bekommen habe. Das ist heute noch so, und das ist gut so.
Nach jeweils fünf Jahren in Cottbus und Leipzig wechselten Sie mit 19 nach Köln. Warum sahen Sie dort die bessere Perspektive, obwohl Sie zunächst dritter Torwart waren?
Leipzig hatte keine zweite Mannschaft. Deshalb gab es zwei Möglichkeiten: Entweder ich spiele als Nummer eins oder ich suche mir etwas Neues. Mit 19 dort die Nummer eins zu werden, war sehr unrealistisch. Deshalb war es sinnvoll, zu einem Verein zu gehen, bei dem ich mit den Profis trainieren und trotzdem Spielpraxis sammeln konnte. Für mich war klar: Ich muss spielen, auch im Herrenbereich, und Erfahrungen sammeln. Es war der absolut richtige Schritt.
Auch in Kaiserslautern haben Sie zunächst in der zweiten Mannschaft gespielt. Wie wichtig sind zweite Mannschaften für junge Spieler?
Für mich war das das A und O. Hier habe ich im ersten Jahr einige Spiele gemacht, in Anführungszeichen „nur“ in der Oberliga. Das ist ganz wichtig, besonders für junge Spieler und Torhüter. Männerfußball ist etwas anderes als Juniorenfußball. Die meisten Oberligaspieler haben einen besseren Abschluss oder sind abgezockter als die meisten Junioren-Bundesligaspieler. Nicht umsonst ist der Schritt in den Seniorenbereich am schwierigsten. Für mich war es wichtig, zu spielen und Erfahrungen zu sammeln.
Für Sie war der zweite Spieltag der Saison 2023/24 entscheidend, als Andreas Luthe die Rote Karte bekam. Danach wurden Sie dauerhaft die Nummer eins. Wie sehr muss man als junger Torwart auf eine solche Gelegenheit hoffen?
Das gehört dazu. Hinter einer Nummer eins versucht man, im Training gut zu sein und sich bestmöglich zu präsentieren. Aber es ist nicht wie bei Feldspielern, bei denen man sagt: „Du bekommst mal zehn Minuten.“ Diese Möglichkeit besteht nicht. Wenn etwas passiert, muss man da sein und seine Leistung bringen. Gerade bei Torhütern hängt das mit viel Glück zusammen. Ohne das Zutun des Zufalls wird man es oft nicht schaffen. Dieses Quäntchen Glück gehört dazu.
Wie ist das Verhältnis unter den Torhütern? Sie sind Kollegen und Konkurrenten zugleich. Hinter Ihnen stehen Torhüter, die ebenfalls die Nummer eins sein wollen.
Bei Torhütern ist das spezieller, weil wir als eigenes „Team im Team“ eng mit dem Torwarttrainer zusammenarbeiten und alle dieselbe Position wollen. Wir verstehen uns immer gut. Das hat mit gegenseitigem Respekt zu tun. Trotzdem will man der Beste sein und spielen. Das heißt nicht, dass man dem anderen etwas Schlechtes wünscht oder ihm etwas nicht gönnt. Im Training müssen wir dem anderen die Bälle so zuspielen, dass die Qualität stimmt. In allen meinen bisherigen Torwartteams wurde das so vorgelebt, auch hier. Wir wollen alle besser werden. Dass die Jungs hinter mir spielen und die Nummer eins sein wollen, ist vollkommen richtig und für mich eine Motivation.
Ihre erste Saison als Stammtorwart endete mit dem Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen. War dies trotz der knappen Niederlage bislang das Highlight Ihrer Karriere?
Ja, ich denke schon. Mit etwas Abstand betrachtet war es ein absolutes Highlight. Das hat man als Spieler damals gar nicht alles direkt so wahrgenommen. Auch das Spiel in Mannheim in diesem Jahr war besonders: Wir haben das Derby gewonnen und sind dramatisch in letzter Sekunde eine Runde weitergekommen. Das war ein sehr wichtiger Sieg aus meiner Sicht.
Im vergangenen Jahr sind Sie Vater geworden. Wie hat Sie das verändert? Können Sie leichter vom Fußball abschalten?
Das ganze Leben hat sich verändert, meine Sichtweisen auf fast alles und meine Prioritäten. Man kann besser vom Fußball abschalten und ihn nicht über die Türschwelle zu Hause kommen lassen, wenn man das möchte. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist das Schönste, was mir bisher im Leben passiert ist.
Sie haben öffentlich über Hasskommentare bei Instagram, auch unter Familienbildern, gesprochen. Ist der Umgang damit in der Kabine ein Thema?
So etwas gehört leider dazu, auch wenn meine damaligen Aussagen vielleicht etwas zu sehr aufgebauscht wurden. Aber als Profi, der in der Öffentlichkeit steht, muss man für sich herausfinden, wie man sich schützt. Man kann mit erfahrenen Jungs in der Kabine darüber sprechen. Man muss Wege finden, es nicht an sich heranzulassen. Ich habe Instagram eine Zeit lang komplett deaktiviert. Als ich mich bereit fühlte und wusste, dass ich damit besser umgehen kann, habe ich mein Profil wieder aktiviert. Wenn man jung ist und solche Nachrichten bekommt, ist es schwer, klar zu bleiben und sich das nicht zu Herzen zu nehmen.
Ihr Profil ist wieder aktiv, nur die Kommentarfunktion ist deaktiviert?
Genau. Ich hatte mich eine Zeit lang komplett zurückgezogen. Jetzt kann man keine Kommentare mehr unter meine Beiträge setzen, weil mir nicht wichtig ist, was andere dazu sagen. Die FCK-Fans möchte ich teilhaben lassen und ihnen meine Sicht zeigen. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwo beginnt mein Privatleben, das niemanden etwas angeht.
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