FC St. Pauli: Hinter den Kulissen – der Videoanalyst

Interview mit Andrew Meredith

Videoanalyst Andrew Meredith vom FC St. Pauli

So sieht der Arbeitsplatz von Videoanalyst Andrew Meredith während eines Spiels aus. ©FC St. Pauli

Video- und Spielanalysten sind aus dem Fußball nicht mehr wegzudenken. „Es ist heutzutage gang und gäbe, dass die eigenen Spiele und die Spiele des Gegners bis in das kleinste Detail durchleuchtet werden“, sagt Ewald Lienen, der vergangene Saison noch Trainer beim FC St. Pauli war und nun zum Technischen Direktor ernannt wurde. „Was können wir besser machen? Was hat gut funktioniert? Wie läuft der Gegner? Was sind ihre Stärken, und welche Schwächen können wir nutzen? Ein Spielanalyst bereitet all das videotechnisch auf.“

Beim Zweitligisten FC St. Pauli ist Andrew Meredith dafür zuständig. Der Australier war früher ein erfolgreicher Hockey-Trainer, wechselte dann aber in den Fußball. Im Interview für unsere Rubrik „Hinter den Kulissen“ erklärt Meredith, wie sein Arbeitsalltag aussieht und wie er zum FC St. Pauli kam.

Herr Meredith, Sie sind ein sogenannter Spielanalyst und kümmern sich um die Videoanalyse. Was genau machen Sie während eines Spiels?
Andrew Meredith: „Ich sitze auf der Tribüne, habe zwei Displays vor mir und schneide die wichtigsten Szenen zusammen. Ich sortiere die Clips immer nach Spielsituationen, zum Beispiel Spielaufbau, Standards oder Torschüsse. Dafür habe ich eine spezielle Software. Links auf dem Bildschirm sehe ich die Fernsehübertragung, rechts befinden sich die Ordner für die jeweiligen Spielsituationen. Wenn zum Beispiel ein Innenverteidiger schlecht positioniert ist, ein Mittelfeldspieler einen Fehlpass spielt oder ein Stürmer ins Abseits läuft, speichere ich die Szene ab.“  

In der Halbzeitpause zeige ich ihm fünf oder sechs Szenen. (über die Zusammenarbeit mit dem Trainer)

Und wie geht es in der Halbzeit weiter?
Meredith: „In der Halbzeitpause begebe ich mich in die Kabine und bespreche mich mit dem Cheftrainer. Ich zeige ihm fünf oder sechs Szenen, die ich wichtig fand. Oft war es so, dass auch Ewald (Lienen, Anm.d.Red.) noch einmal bestimmte Szenen sehen wollte. Die Fernsehbilder bieten eben einen anderen Blick auf das Geschehen als von der Seitenlinie aus.“

Werden auch die Spieler während der Halbzeit in die Videoanalyse mit einbezogen?
Meredith: „Es kann schon einmal passieren, dass der Trainer sich den Laptop schnappt und einem Spieler eine bestimmte Situation noch einmal zeigt. Es finden in der Kabine aber keine Videositzungen statt.“    

Ist Ihre Arbeit abgeschlossen, wenn das Spiel zu Ende ist?
Meredith: „Ganz im Gegenteil: Dann geht die Arbeit erst so richtig los. Oft arbeite ich nach einem Spiel die ganze Nacht durch. Ich zerlege praktisch das ganze Spiel noch einmal in die Einzelteile. Wo wurden die Anweisungen des Trainers nicht ausreichend umgesetzt? Wann hat das Pressing gut funktioniert und wann nicht?“

Ich erstelle für jeden einzelnen Spieler ein Video. (über die Arbeit nach dem Spiel)

Haben Sie das nicht bereits während des Spiels getan?
Meredith: „Doch, natürlich. Aber während eines Spiels verpasst man immer einiges. Auch der Trainer schaut sich die Partie noch einmal an, nachdem er die Interviews und Pressekonferenz hinter sich gebracht hat. Das Videomaterial, das ich zusammenschneide, wird am Tage nach dem Spiel für die Videositzung genutzt. Außerdem erstelle ich für jeden einzelnen Spieler ein Video, auf dem all seine Szenen der Partie zusammengeschnitten sind. Die Spieler können sich dann online einloggen und den Clip anschauen.“  

Gibt es noch weitere Maßnahmen, um das Spiel der eigenen Mannschaft zu analysieren?
Meredith: „In der Rückrunde haben wir damit begonnen, unsere taktischen Trainingseinheiten zu filmen. Ich schnappe mir dann eine Kamera und nehme das Training von einer erhöhten Position auf.“

Fällt auch die Gegner-Analyse in Ihr Aufgabegebiet?
Meredith: „Natürlich. Die Vorbereitung beginnt immer zwei Wochen vor einer Partie. Normalerweise beziehe ich die letzten sechs Partien des Gegners mit ein. Manchmal fahre ich auch ins Stadion, um mir ein Spiel vor Ort anzuschauen. Aus all meinen Beobachtungen mache ich dann wieder einige Videos. Darin muss beispielsweise zu erkennen sein, wo die Schwächen des Gegners liegen.  Der Horror ist, wenn es eine Woche vor dem Spiel beim Gegner einen Trainerwechsel gibt. Dann hat man alles vorbereitet und muss noch einmal ganz von vorne anfangen.“

Ich schneide vier Videos zusammen (über die Gegnerbeobachtung)

Wie viele Videos schneiden Sie über den Gegner zusammen?
Meredith: „Ich schneide vier Videos von rund 12 bis 15 Minuten zusammen. Ein Tape richtet sich an die Offensivspieler, ein weiteres an die Defensivspieler. Hinzu kommt ein Video für die Torhüter und ein weiterer Film zum Thema Standards.“

Wann muss die Analyse des Gegners abgeschlossen sein?
Meredith: „Spätestens zwei Tage vor dem Spiel. Dann findet die Videositzung statt, wo der Trainer unserer Mannschaft den Gegner erklärt.“

Abschließend noch eine Frage zu Ihrem Werdegang: Sie stammen aus Australien und waren ein erfolgreicher Hockey-Spieler und Trainer. Von 2004 bis 2012 waren Sie Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft und gewannen zwei olympische Goldmedaillen. Wie sind Sie überhaupt in den Fußball gelangt?
Meredith: „Das hing damit zusammen, dass ich mich sehr gut mit der australischen Videosoftware Sportscode auskannte und im Hockey viel genutzt habe. Heute arbeiten alle Top-Vereine wie Manchester United und der FC Chelsea oder auch nahezu alle Bundesligisten damit. Selbst in der Basketball-Liga NBA wird sie genutzt. Der Kontakt zum FC St. Pauli entstand, weil ich einige Mitarbeiter die Bedienung der Software beibringen sollte. Daraus wurde dann im Jahre 2013 ein festes Arbeitsverhältnis.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Meredith!

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