FC Ingolstadt: Interview mit Christian Träsch

„Die Situation ist kurios“

Autor: Oliver Jensen Veröffentlicht: Freitag, 30.03.2018 | 08:30
Christian Träsch vom FC Ingolstadt

Christian Träsch übernimmt beim FCI eine Führungsrolle. ©Imago/kolbert-press

Rund zehn Jahre spielte Christian Träsch in der Bundesliga, absolvierte zudem zehn Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft. Zu Beginn dieser Saison kehrte er in seine Heimat zum FC Ingolstadt zurück. Vor dem Auswärtsspiel beim 1. FC Heidenheim (Samstag, 13 Uhr) spricht der 30-Jährige mit Liga-Zwei.de über die Unterschiede zwischen der 1. und 2. Liga, den Traum vom Aufstieg und die Krise seines Ex-Vereins VfL Wolfsburg.

Herr Träsch, es ist noch gar nicht so lange her, da liefen Sie mit dem VfL Wolfsburg im Old Trafford von Manchester United auf. Ist es gewöhnungsbedürftig, nun am Samstag einem Spiel in Heidenheim entgegenzublicken?
Christian Träsch: „Mittlerweile nicht mehr. Aber ich muss zugeben: Als ich im vergangenen Sommer nach Ingolstadt in die 2. Liga kam, war das eine Umstellung – nicht nur von den Stadien und der Atmosphäre her, sondern vor allem vom Spielstil. In der Bundesliga wird mehr Fußball gespielt. In der 2. Liga hingegen geht viel über den Kampf und die Einstellung.“

Als Außenstehender würde man denken: Wer in der Bundesliga gut gespielt hat, müsste in der 2. Liga automatisch der Überflieger sein.
Träsch: „Das ist ein Irrglaube. Es ist keineswegs einfacher, in der 2. Bundesliga zu spielen. Das Spiel funktioniert einfach anders, es ist ein Kampfspiel. Viele lange Bälle werden gespielt, es geht dann oftmals um die zweiten Bälle.“

„ Vielleicht haben wir uns zu großen Druck gemacht. ”
über die verpasste Aufstiegschance

Und wer schönen Fußball spielen möchte, wird einfach umgeholzt?
Träsch: „(lacht) Das kann passieren. Es wird einem jedenfalls schwieriger gemacht, Fußball zu spielen.“

Sie stehen auf Tabellenplatz 6, haben aber sieben Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz zur Bundesliga, dafür aber lediglich vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz zur 3. Liga. Worum geht es in der verbleibenden Saison für den FC Ingolstadt?
Träsch: „Die Situation in der 2. Liga ist wirklich kurios. Ein Dreiviertel der Liga kann theoretisch noch aufsteigen, aber auch absteigen. Umso wichtiger ist es, dass wir nur auf uns schauen. Vor allem ist es wichtig, den Abstand nach unten zu vergrößern. Daher wäre ein Sieg gegen den direkten Konkurrenten Heidenheim sehr wichtig.“

Sie wären noch voll im Aufstiegsrennen dabei, hätte es nicht vor dem Sieg gegen Dresden fünf sieglose Spiele in Folge gegeben. Was lief in dieser Zeit schief?
Träsch: „Wir haben eigentlich nicht schlecht gespielt, viele Spiele dominiert, aber letztendlich unglücklich die Punkte liegen gelassen. Wenn ich nur an das Spiel gegen Regensburg zurückdenke: Wir lagen 2:0 vorne und verloren letztendlich mit 2:3. Vielleicht haben wir uns auch einen zu großen Druck gemacht, aufsteigen zu wollen.“

Sie haben in Ingolstadt einen Vertrag bis 2021 unterschrieben. Wie groß ist die Hoffnung, noch einmal in der Bundesliga aufzulaufen?
Träsch: „Das ist zumindest mittelfristig unser Ziel.“

Ob nun der VfL Wolfsburg, der 1. FC Köln oder der Hamburger SV aus der Bundesliga absteigt – für alle Vereine wäre der sofortige Wiederaufstieg alternativlos. Würden Sie dem FC Ingolstadt zutrauen, diesen Vereinen einen Strich durch die Rechnung zu machen?
Träsch: „Natürlich wird es schwieriger, wenn solche Vereine runterkommen. Aber ein Aufstieg lässt sich nicht planen. Auch für große Namen wie den HSV, Wolfsburg oder Köln würde das kein Selbstläufer sein.“

„ Wir Spieler waren schon in der Audi-Kantine essen. ”
über die Verbindung von FCI zum Autohersteller

Als Sie mit 15 Jahren Ingolstadt verließen, hieß der Verein noch MTV Ingolstadt. Gibt es noch Parallelen zwischen dem damaligen MTV Ingolstadt und dem heutigen FC Ingolstadt?
Träsch: „Eher wenig. Der FC Ingolstadt hat sehr professionelle Strukturen geschaffen. Damit meine ich nicht nur den Profibereich, sondern zum Beispiel auch das Nachwuchsleistungszentrum. So etwas gab es früher noch nicht.“

Beim VfL Wolfsburg denkt man an Volkswagen, beim FC Ingolstadt an Audi. Der Unterschied ist allerdings, dass Audi nur etwa 20 Prozent der Anteile hält, der VfL Wolfsburg hingegen eine 100-prozentige Tochter von Volkswagen ist. Trotzdem: Inwiefern spürt man in den Vereinen die Präsenz des Autobauers?
Träsch: „Audi ist in Ingolstadt natürlich tief verwurzelt und ein langjähriger Partner vom FCI. Wir Spieler waren zum Beispiel auch schon in der Audi-Kantine essen. Das ist sehr angenehm, weil viele Mitarbeiter auch Ingolstadt-Fans sind. Wir Spieler sitzen dann quer verteilt in der Kantine, sodass Spieler und Mitarbeiter automatisch in das Gespräch kommen. Das ist sehr familiär.“

Gab es das auch beim VfL Wolfsburg?
Träsch: „Dort gab es andere Schnittpunkte. Wir Spieler haben zum Beispiel verschiedene Veranstaltungen von VW besucht, um auf diesem Wege eine gewisse Nähe herzustellen.“

Sie haben beim VfL Wolfsburg die erfolgreiche Zeit miterlebt, standen im Champions League Viertelfinale gegen Real Madrid auf dem Rasen, wurden Vize-Meister und haben den DFB-Pokal gewonnen. Zittern Sie im Abstiegskampf mit Ihrem Ex-Verein mit?
Träsch: „Natürlich verfolge ich die Entwicklung und hoffe, dass der VfL den Klassenerhalt schafft. Ich habe noch immer viele Freunde in Wolfsburg.“

„ Es war ein Fehler, sich zum Bayern-Jäger zu benennen. ”
über den Niedergang beim VfL Wolfsburg

Wäre es für Sie eine schwierige Ausgangsposition, sollte der FC Ingolstadt doch noch die Relegation erreichen und dann auf den VfL Wolfsburg treffen?
Träsch: „Überhaupt nicht. Ich bin Ingolstädter, ich spiele für den FC Ingolstadt und würde auch dann unbedingt aufsteigen wollen.“

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass es beim VfL Wolfsburg in den vergangenen zwei Jahren so rapide bergab ging?
Träsch: „Einmal war es ein Fehler, sich zum ersten Bayern-Jäger zu benennen. Dadurch haben wir uns selber unter Druck gesetzt. Selbst Borussia Dortmund, die eher der logische Bayern-Jäger sind, bekamen das in den letzten Jahren nicht hin. Bayern ist einfach eine Macht.

Hinzu kommt, dass die vielen Abgänge nicht zu kompensieren waren. Ein Kevin De Bruyne oder Ivan Perisic ließen sich nicht Eins-zu-Eins ersetzen. Die waren an extrem vielen Toren beteiligt. Dann haben wir auch noch Naldo verloren, der die Abwehr zusammengehalten hat.“

Hinzu kamen die vielen Trainerwechsel…
Träsch: „Genau. Jeder Trainer will seine eigene Philosophie einbringen. Aber im Trainergeschäft bekommt niemand Zeit. Nach ein paar schlechten Spielen droht bereits die Entlassung. So war es leider auch beim VfL.“

Herr Träsch, vielen Dank für das Interview!

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