Holstein Kiel: Teamcheck 2019/20

Analyse & Prognose zur neuen Saison

Emmanuel Iyoha am Ball für Holstein Kiel

Variabler Angreifer: Emmanuel Iyoha ist von Fortuna Düsseldorf ausgeliehen. ©Imago images/Claus Bergmann

36 Jahre war Holstein Kiel vor dem Aufstieg 2017 nicht mehr zweitklassig. Seitdem ist es den Störchen aber zweimal gelungen, die Erwartungen deutlich zu übertreffen. Nach der verlorenen Relegation 2017/18 und einem enormen Aderlass wurde im letzten Sommer von nicht wenigen Experten ein ganz schwieriges Jahr prophezeit, das dann aber mit einem mehr als beachtlichen sechsten Platz endete.

Weil anschließend abermals mehrere Leistungsträger und der Trainer nicht gehalten werden konnten, stellt sich die Situation nun wieder ähnlich dar. Bleibt abzuwarten, ob es der KSV aufs Neue gelingt, positiv zu überraschen. Im Teamcheck von Liga-Zwei.de nehmen wir die Störche nun erst einmal detailliert unter die Lupe.

Kader & Transfers

Mit Kingsley Schindler (1. FC Köln), David Kinsombi (Hamburger SV), dem langjährigen Stammkeeper Kenneth Kronholm (Chicago Fire) sowie Atakan Karazor (VfB Stuttgart) folgten vier Eckpfeiler dem Lockruf finanzstärkerer Vereine.

Schindler und Kinsombi allerdings fielen beide mit schweren Verletzungen im Aufstiegsrennen aus, sodass das Frühjahr bereits zum Probelauf ohne das Duo wurde – wobei beide Spieler nicht optimal ersetzt werden konnten. Schindler kam immerhin in der Schlussphase der Saison zurück, konnte aber nicht an vergangene Leistungen anknüpfen.

Lücken hinterlassen auch die Leihspieler Masaya Okugawa (Red Bull Salzburg), Mathias Honsak (nun Darmstadt 98) und Lászlo Bénes (Borussia Mönchengladbach). Dagegen konnten die ebenfalls ausgeliehenen Patrick Kammerbauer (SC Freiburg), Franck Evina (nun KFC Uerdingen) und Aaron Seydel (1. FSV Mainz 05) keinen bleibenden Eindruck hinterlassen – Seydel indes in erster Linie verletzungsbedingt.

Nicht wirklich ins Gewicht fallen unterdessen die Abgänge der Talente Arne Sicker (MSV Duisburg) und Heinz Mörschel (Preußen Münster), die beide eine Klasse tiefer einen Neustart wagen.

Den Abgängen stehen bisher elf Neue gegenüber, wobei der Sportliche Leiter Fabian Wohlgemuth noch nach weiteren Verstärkungen Ausschau hält. Nur fünf der bisherigen Neuzugänge bringen Zweitliga-Erfahrung mit. Der zuletzt von RB Salzburg an Greuther Fürth verliehene David Atanga stellt eine flexible Alternative für die Offensive dar. Ebenso wie Emmanuel Iyoha (Fortuna Düsseldorf), der vergangene Saison auf Leihbasis für Erzgebirge Aue spielte.

Phil Neumann (FC Ingolstadt) kann rechts und innen verteidigen, während Young-Jae Seo auf der linken Abwehrseite Druck auf Johannes van den Bergh ausüben soll. Bei Aleksandar Ignjovski (1. FC Magdeburg) handelt es sich um einen Defensiv-Allrounder, der auf beiden defensiven Außenbahnen und im zentralen Mittelfeld spielen kann.

Die übrigen sechs Neuzugänge betreten mit der 2. Liga Neuland. Torwart Ioannis Gelios (Hansa Rostock), die offensiven Mittelfeld- bzw. Flügelspieler Makana Baku (Sonnenhof Großaspach), Michael Eberwein (Fortuna Köln) und Finn Porath (HSV, zuletzt SpVgg Unterhaching) sowie die Angreifer Daniel Hanslik (VfL Wolfsburg II) und Lion Lauberbach (FSV Zwickau) sind allesamt nicht unbedingt als sofortige Verstärkung zu sehen.

Die aktuelle Form

Die ersten drei Testspiele beim Eckernförder SV (7:0), beim SV Falkensee-Finkenkrug (9:0) und beim FC Schönberg (13:0) waren ein lockerer Aufgalopp für die Störche, die sich danach vom dänischen Erstligisten Odense BK mit 1:1 trennten und während des Trainingslagers im österreichischen Bad Tatzmannsdorf dem russischen Erstligisten FK Achmat Grosny mit 0:1 unterlagen.

Im zweiten und letzten Trainingslagertest gab es gegen den SV Mattersburg ein weiteres 1:1 und Unentschieden endete auch die Partie gegen Regionalligist Eintracht Norderstedt (2:2).

Die Generalprobe gegen Sheffield Wednesday am Sonntag wurde mit 2:3 verloren, wobei die Partie und das Ergebnis aufgrund des Schienbeinbruchs von Jannik Dehm in den Hintergrund rückten.

André Schubert im Training von Holstein Kiel

Leitet derzeit die Geschicke bei der KSV: Chefcoach André Schubert (mitte). ©Imago images/Holsteinoffice

Stärken & Schwächen

Wie 2017/18, als 71 Treffer sogar der ligaweite Top-Wert waren, zeigte sich Holstein Kiel auch in der vergangenen Saison torhungrig. Nur die beiden Direktaufsteiger Köln (84) und Paderborn (76) übertrafen die 60 Tore der Störche, die auf der anderen Seite aber auch 51 Gegentore zuließen und damit die meisten unter den Teams auf den ersten sieben Plätzen der Tabelle.

Wichtig wird es in der neuen Saison sein, die richtige Balance zu finden, was in den Testspielen noch nicht der Fall war. Dass erneut mehrere Stammkräfte nicht gehalten werden konnten und der Kader zum Saisonstart noch nicht komplettiert wurde, ist sicherlich ein Nachteil.

Weiterhin vorhanden ist aber eine zentrale Achse mit Torwart Dominik Reimann, der sich bereits am Ende der vergangenen Saison bewährt hat, Dominik Schmidt und Hauke Wahl in der Innenverteidigung, Jonas Meffert und Alexander Mühling im Mittelfeld sowie Janni Serra im Sturm. Mit Jae-Sung Lee, der erstmals seit längerem eine richtige Pause hatte, sowie den Neuen Iyoha und Atanga ist offensiv zudem reichlich Potential und vor allem auch Tempo vorhanden.

Generell setzt Kiel bevorzugt auf Spieler, die noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt sind. So stellen die Störche mit durchschnittlich 23,7-Jahren den jüngsten Kader der Liga. Dass nach Möglichkeit noch der eine oder andere gestandene Profi kommen soll, ist deshalb nachvollziehbar.

Der Trainer

Nach knapp zweijähriger Auszeit ist André Schubert im vergangenen Herbst auf das Trainerkarussell zurückgekehrt und hat Eintracht Braunschweig nach einer schwierigen Anfangsphase letztlich mit einer starken Rückrunde noch zum Klassenerhalt in der 3. Liga geführt. Mitte Juni folgte der 47-Jährige dann dem Ruf aus Kiel und trat die Nachfolge des zum VfB Stuttgart abgewanderten Tim Walter an.

Schubert, der Borussia Mönchengladbach 2015/16 in die Champions League führte und zuvor unter anderem in der 2. Bundesliga beim FC St. Pauli und beim SC Paderborn tätig war, gilt als exzellenter Fachmann, aber auch als nicht immer einfacher Charakter.

Im Unterschied zu Vorgänger Walter orientiert sich Schubert auch am Gegner und ist nicht nur darauf bedacht, das eigene Spiel durchzubringen. Obwohl der gebürtige Kasseler in der Vergangenheit gerne und häufig im 4-3-3 spielen ließ, sind nun verschiedene Grundordnungen inklusive einer in der Vorbereitung erprobten Dreier- bzw. Fünferkette möglich.

Die mögliche Startelf

Obwohl der Kader noch nicht komplett ist, sind die Plätze in der Anfangsformation umkämpft. Wahrscheinlich aber ist, dass zumindest zum Auftakt nur wenige Neuzugänge von Beginn an auflaufen werden. Weil Phil Neumann aufgrund der Verletzung von Jannik Dehm als Rechtsverteidiger benötigt wird, dürften sich Planspiele mit Hauke Wahl als Sechser statt als Innenverteidiger erledigt haben.

Die mögliche Startelf: Reimann – Neumann, Schmidt, Wahl, van den Bergh – Mühling, Lee, Meffert, Porath – Serra, Iyoha

Fazit & Prognose

Holstein Kiel hat zwar eine Menge Qualität verloren, aber noch immer reichlich Potential im Kader. Gelingt es Trainer Schubert ähnlich wie seinen Vorgängern, Spieler weiterzuentwickeln und so die entstandenen Lücken zu schließen, können die Störche wieder eine solide bis gute Rolle im Tabellenmittelfeld spielen.