FC St. Pauli: Zwischenbilanz der Neuzugänge 2018

Veerman "wie eine Dampflok"

Autor: Simon Thijs Veröffentlicht: Sonntag, 18.11.18 | 07:44
Henk Veerman jubelt mit Marvin Knoll

Erfolgsfaktoren am Millerntor: Henk Veerman (l.) und Marvin Knoll. ©Imago/Eibner

Nur drei externe Neuzugänge verzeichnete der FC St. Pauli im Sommer und einer davon ist Henk Veerman. Mit vier Toren und drei Vorlagen lieferte der Niederländer bisher ordentlich ab. Wie registriert das sein ehemaliger Trainer Hans de Koning (FC Volendam)? Wir haben mit ihm über Stärken und Schwächen seines ehemaligen Schützlings gesprochen. Im Anschluss daran ordnen wir die restlichen Neuzugänge anhand festgelegter Kategorien ein.

Herr de Koning, wie sieht für Sie „der“ typische niederländische Angreifer aus?
Hans de Koning: „Ein typisch niederländischer Angreifer ist für mich persönlich ein guter Anspielpunkt, stark am Ball, hat technische Fähigkeiten und Schnelligkeit. Das ist gefragt.“

Henk Veerman scheint mit seinen 2,01 Meter nicht unbedingt geschaffen für den niederländischen Fußball. Wie hat er sich trotzdem durchgesetzt?
De Koning: „Wir kannten ihn schon von den Samstags- und Sonntags-Amateuren (Anm. d. Red.: in den Niederlanden gibt es tagesbezogene Ligen aus religiösen Gründen). Mit dem damaligen Co-Trainer wurde er dann mit hochgezogen, um bei der U23 zu spielen.

Ich habe ihn dann irgendwann in die erste Mannschaft geholt, weil wir in ihm einen Spieler sahen, der Tore machen konnte und gewisse Qualitäten hatte. Er musste noch an sich arbeiten, denn er spielte ja noch auf Amateur-Basis. Irgendwann haben wir ihn dann aber soweit bekommen, dass er den Schritt in den bezahlten Fußball machen konnte.“

„ Trotz dieser Größe technisch stark. ”
über Veermans Qualitäten

Wie schaffte er dann den Übergang nach Deutschland?
De Koning: „Er hatte bei uns natürlich schon eine ganz gute Schule genossen. Nachdem er von den Amateuren gekommen war, habe ich eigentlich vom ersten tag an versucht, ihm klar zu machen, was es braucht, um in den Profi-Bereich zu kommen. Da musste ich ihn schon kitzeln, bis er es verstanden hatte.

Durch seine vielen Tore wurde dann Heerenveen aufmerksam. Da habe ich zu ihm gesagt, dass Volendam nur ein Zwischenschritt war und bei Heerenveen nochmal mehr gefordert wird. Letztlich hat er dort dann im physischen Bereich dazugelernt. Er war zwar schon groß, aber nicht stark, musste noch lernen, wie er seinen Körper richtig einsetzt.

In Heerenveen hat er sich weiterentwickelt und ich finde es sehr schön zu sehen, wie er den Schritt nach Deutschland gemacht hat. Denn ich denke, dass er in all den Jahren sehr viel Arbeit investiert hat, um dorthin zu kommen, wo er jetzt ist.“

Viele Tore hat er in den meisten Spielzeiten nicht gemacht. Unter ihnen traf er allerdings praktisch in jedem zweiten Spiel. Wie haben Sie ihn zum Torjäger gemacht?
De Koning: „Er hatte es schon bei den Amateuren gezeigt. Da fiel es natürlich leichter. Ich habe ihm nur jeden Tag versucht zu zeigen, wo er wichtig ist, und zwar im Sechzehner. Da kommt seine Größe zur Geltung.

Aber man darf nicht vergessen, dass er trotz dieser Größe noch technisch stark ist. Außerdem musste er lernen, immer wieder neue Situationen zu suchen, nicht nach der ersten enttäuscht zu sein, wenn es nicht geklappt hat. Da sind wir auch mal aneinander geraten, aber letztlich hat das Früchte getragen.

Man glaubt auch nicht, dass er so schnell ist. Aber wenn er einmal Tempo aufgenommen hat, ist er nicht mehr aufzuhalten. Ich kann mich noch gut an ein Spiel erinnern, als er von der Mittellinie steil geschickt wurde. Da war er nicht mehr einzuholen, denn wenn dieser große Körper einmal in Fahrt ist, ist er wie eine Dampflok.“

„ Wenn man so fanatische Fans hat, ist das schön. ”
über den FC St. Pauli

Erstaunlicherweise trifft er aber wenig mit dem Kopf. Woran liegt das?
De Koning: „Kopfballspiel ist einfach ein Spezialfall. Das hat gar nicht so viel mit Größe zu tun. Gerade neulich haben wir gegen Maastricht gespielt, wo Mittelstürmer Anthony van den Hurk sehr gefährlich ist mit dem Kopf, obwohl er nur 1,80m ist. Es hat mehr mit Timing und auch Mut zu tun, man muss alles reinwerfen, trotz Risiken. Dennoch muss ich sagen, wenn Henk im Sechzehner ist, und er bekommt eine Chance, dann ist er auch oft drin.“

St. Pauli ist ein etwas spezieller Verein, mit sehr aktiver Fanszene. Wie passt er als Persönlichkeit zum Kiez-Klub?
De Koning: „Ich kenne St. Pauli noch aus der Zeit, als sie erste Liga spielten. Das war immer schön anzusehen, wie der Anhang da war. In Volendam war Henk schon beliebt, in Heerenveen wurde er durch seine Einwechslungen sehr populär. Ich glaube, sie werden ihn in St. Pauli auch mögen. Wenn man so fanatische Fans hat, ist das nur schön.“

Sie trainieren aktuell in der 2. Niederländischen Liga wieder FC Volendam, wo sie einst mit Henk Veerman arbeiteten. In der Liga spielen auch einige Deutsche (Ulrich Bapoh, Mario Engels, Kevin Schindler, Marlon Frey…). Fällt Ihnen von diesen einer besonders auf?
De Koning: „Wir haben selber praktisch keine ausländischen Spieler im Kader, generell fällt mir auf, dass es nicht so furchtbar viele Spieler aus Deutschland in der Liga gibt. Meistens spielen sie bei Vereinen, die schon eher Eredivisie-Status haben, wie Twente oder Roda. Etwa 70% der Spieler in der zweiten Liga sind aber aus der eigenen Jugend, so wie Henk ja auch, der ein gutes Vorbild für die jungen Spieler ist.“

„ Der Sieg gegen Deutschland hat schon gutgetan. ”
über die niederländische Nationalmannschaft

In Deutschland kennt man praktisch nur die Eredivisie. Wie hoch ist der Niveau-Unterschied zwischen 1. Und 2. Liga in Holland?
De Koning: „Ich würde sagen Platz eins bis zehn der Eredivisie sind schon sehr weit weg. Zwischen Platz elf bis 18 und den ersten acht aus der zweiten Liga ist der Unterschied nicht so groß. Meist liegt es nur an ein oder zwei individuell starken Spielern.

Momentan ist es noch enger zusammengerückt, weil Vereine wie Twente, Sparta, NEC und einige andere in der zweiten Liga spielen, die potenziell Eredivisie-würdig sind. Das ist in Deutschland ja genauso: Ich habe letztens erst festgestellt, dass in der 2. Bundesliga sehr viele Vereine sind, die unlängst noch 1. Bundesliga gespielt haben. Das sind alles Vereine mit viel Tradition.“

Zum Abschluss: In Kürze steht wieder das Länderspiel Deutschland gegen Niederlande. Die Niederländer haben Deutschland im Hinspiel alt aussehen lassen. Was erwarten Sie vom Rückspiel?
De Koning: „Sie müssen ja erst gegen Frankreich spielen. Wenn sie da gewinnen, müssen sie das Spiel gegen Deutschland nicht gewinnen. Aber es bleiben natürlich packende Spiele. Auch darin sieht man aber, wie klein die Unterschiede sind: Mal hat Deutschland die Oberhand, dann haben die Niederlande wieder eine bessere Generation. Es bleibt eine Wellenbewegung. Der Sieg gegen Deutschland hat aber schon gutgetan. Ich hoffe also, dass wir mit dem Spiel zufrieden sein können.“

Wird Holland bei den nächsten Turnieren wieder dabei sein?
De Koning: „Ja, davon gehe ich aus. Wir haben schon einige Talente, wie de Ligt oder de Jong von Ajax, einige Spieler von PSV oder auch einige, die im Ausland spielen, wie Justin Kluivert. Es gibt Talent im Überfluss und wenn der Trainer daraus ein Team schmieden kann, sind wir sicher wieder dabei.“

Herr de Koning, vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Bewertung der Neuzugänge des FC St. Pauli:

Henk Veerman jubelt nach seinem Tor gegen Union Berlin

Henk Veerman konnte seinen Torriecher, wie hier gegen Union Berlin, bereits unter Beweis stellen. ©Imago/Contrast

Volltreffer:
Marvin Knoll – Der variable Defensivspieler kam aus Regensburg und geht beim FC St. Pauli bereits als Leistungsträger und Führungsfigur voran. Mit gutem Passspiel organisiert er das Mittelfeld und setzt mit zwei Toren und drei Vorlagen auch offensiv Akzente.

Guter Griff:
Henk Veerman – Der Stürmer überzeugte in seinen ersten drei Spielen mit jeweils einem Tor. Allerdings konnte der FC St. Pauli keines dieser Spiele gewinnen. In der Folgezeit brachte Trainer Markus Kauczinski den Holländer häufiger als Joker, was sich zuletzt gegen Heidenheim als er das 1:1 erzielte, auszahlte. Mit vier Treffern und drei Vorlagen in elf Spielen sprechen die Statistiken für ihn.

Keine Bewertung möglich:
Korbinian Müller – Als Ersatzkeeper kam der 27-Jährige im Sommer von der SpVgg Unterhaching. Bei den Profis ist Robin Himmelmann allerdings gesetzt, sein erster Vertreter ist Sven Brodersen. Seine Klasse konnte Müller zuletzt in der zweiten Mannschaft des FC St. Pauli unter Beweis stellen: Fünf Spiele – 0 Gegentore!

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