Wehen Wiesbaden: Teamcheck 2019/20

Analyse & Prognose zur neuen Saison

Manuel Schäffler jubelt beim SV Wehen Wiesbaden

Manuel Schäffler geht beim SVWW als Führungsspieler voran. ©Imago images/Hartenfelser

Zehn Jahre nach dem ersten, nach zwei Spielzeiten schon wieder beendeten Intermezzo in der 2. Bundesliga ist der SV Wehen Wiesbaden ins Unterhaus des deutschen Fußballs zurückgekehrt. In den Jahren zuvor einige Male knapp gescheitert, gelang als Tabellendritter der 3. Liga in den Relegationsspielen gegen den FC Ingolstadt der Aufstieg.

Zielsetzung des SVWW ist nicht in erster Linie der Klassenerhalt, sondern guten Fußball zu spielen, für Begeisterung zu sorgen und sich längerfristig in der 2. Bundesliga zu etablieren. Im Rahmen unserer Teamchecks von Liga-Zwei.de analysieren wir den Aufsteiger und schildern abschließend auch unsere Erwartungen.

Kader & Transfers

Nach dem Aufstieg hat der SV Wehen Wiesbaden einen größeren Umbruch vollzogen. Insgesamt acht Spieler verließen den Verein. Während Giuliano Modica, Simon Brandstetter (beide 1. FSV Mainz 05 II) und Sören Reddemann (Chemnitzer FC) keine allzu großen Lücken hinterlassen, gehören mit Torwart Markus Kolke (Hansa Rostock) und Urgestein Alf Mintzel (Karriereende) auch zwei langjährige Leistungsträger nicht mehr dem künftigen Kader an.

Die drei Leihspieler Florian Hansch (inzwischen Hallescher FC), Agyemang Diawusie (FC Ingolstadt) und Niklas Schmidt (inzwischen VfL Osnabrück) sind in der neuen Saison auch nicht mehr dabei. Gerade Schmidt und Diawusie hätte der SVWW gerne gehalten, was sich aber nicht realisieren ließ. Dagegen konnte die Ausleihe von Gökhan Gül (Fortuna Düsseldorf) verlängert werden.

Dafür kamen neben den drei Eigengewächsen Arthur Lyska, Jan Vogel und Giona Leibold insgesamt elf externe Neuzugänge – allesamt ablösefrei oder auf Leihbasis. Torwart Jan-Christoph Bartels (1. FC Köln) rangelt mit Lukas Watkowiak um die Kolke-Nachfolge und wird im Falle eines erfolgreichen Konkurrenzkampfes womöglich hinter einer deutlich veränderten Viererkette agieren.

Denn mit dem erfahrenen Benedikt Röcker (Bröndby IF) und Jakov Medic (1. FC Nürnberg) kamen nicht nur zwei neue Innenverteidiger, sondern mit Michael Guthörl (Greuther Fürth II), Tobias Mißner (Borussia Dortmund U19) und Dominik Franke (VfL Wolfsburg II) gleich drei Talente für die defensiven Außenbahnen. Dort kann links auch Michel Niemeyer (1. FC Magdeburg) agieren, der aber auch eine Reihe davor eine Option darstellt.

Paterson Chato (Sportfreunde Lotte) für das defensive Mittelfeld und Marvin Ajani (Hallescher FC) für den rechten Flügel sowie die Angreifer Phillip Tietz (SC Paderborn) und Cedric Euschen (1. FC Nürnberg II) komplettieren die Riege der mit Ausnahme von Röcker (29) und Ajani (25) ausnahmslos maximal 23 Jahre alten Neuzugänge. Sollte der eine oder andere Akteur etwas länger Zeit zur Anpassung benötigen, wäre es zumindest keine ganz große Überraschung.

Die aktuelle Form

Einem 4:2-Sieg im ersten Testspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach folgte noch ein letzte Pflichtpartie aus der vergangenen Spielzeit, die freilich keine allzu große Bedeutung mehr hatte. Im wegen der Relegationsspiele verlegten Finale um den hessischen Landespokal wurde der KSV Baunatal klar mit 8:1 bezwungen.

Von den Offenbacher Kickers trennte sich der SVWW anschließend mit 1:1, ehe es ins Trainingslager nach Bad Gögging ging. In dessen Rahmen gelangen zwei Siege gegen die bayerischen Regionalligisten Wacker Burghausen (4:2) und VfB Eichstätt (3:1). Nun am Freitag lief es mit einem 2:4 gegen die Würzburger Kickers weniger rund. Am Samstag glückte gegen den Bonner SC aber wieder ein standesgemäßer 2:0-Erfolg.

Rüdiger Rehm klatscht in die Hände

Engagiert an der Seitenlinie: SVWW-Aufstiegstrainer Rüdiger Rehm. ©Imago images/Sven Simon

Stärken & Schwächen

Mit 71 Treffern stellte der SV Wehen Wiesbaden in der vergangenen Saison die mit Abstand beste Offensive der 3. Liga, auf die auch in den Relegationsspielen gegen Ingolstadt Verlass war. Mit Manuel Schäffler (16) und Daniel-Kofi Kyereh (15) stehen gleich zwei Torjäger im Kader, die sich nun auch eine Klasse höher beweisen wollen. Darüber hinaus sorgten regelmäßig aber auch Spieler aus den hinteren Reihen für Torgefahr. So trafen neben Schäffler und Kyereh elf weitere Spieler mindestens doppelt.

Eine große Qualität in der vergangenen Saison lag definitiv im Umschaltspiel nach Ballgewinn. Gerade gegen aktive Mannschaften, die selbst die Initiative suchten, sah der SVWW dank eines schnellen Spiels in die Spitze regelmäßig gut aus.

Dagegen bestand in der Rückwärtsbewegung noch reichlich Luft nach oben. Mit 47 Gegentoren verkörperte die Mannschaft von Trainer Rüdiger Rehm defensiv nur Drittliga-Mittelmaß. In diesem Bereich gilt es zuvorderst anzusetzen, wobei freilich abzuwarten bleibt, ob mit der bislang auch in den hinteren Reihen geringen Zweitliga-Erfahrung samt jungem Torhüter tatsächlich eine signifikant positive Entwicklung möglich ist.

Der Trainer

Rüdiger Rehm unternimmt seinen persönlich zweiten Anlauf, als Trainer in der 2. Bundesliga Fuß zu fassen. Nach einem missglückten und schnell wieder beendeten Engagement bei Arminia Bielefeld zu Beginn der Saison 2016/17 übernahm der heute 40 Jahre alte Fußball-Profi den SVWW im Februar 2017 in prekärer Lage und schaffte noch den Klassenerhalt in der 3. Liga. 2017/18 wurde der Aufstieg als Tabellenvierter knapp verfehlt, nun aber über die Relegation nachgeholt.

Vor seinem Wechsel nach Bielefeld hatte sich Rehm bei der SG Sonnenhof Großaspach einen Namen gemacht – nicht zuletzt mit attraktivem Offensivfußball, der auch die jüngere Vergangenheit von Wehen Wiesbaden kennzeichnet. Dank der Erfolge ist Rehm in einem ohnehin ruhigen Umfeld absolut unumstritten. Daran dürfte sich auch im Falle einer schwierigeren Phase nichts ändern.

Die mögliche Startelf

In der Endphase der vergangenen Saison wich Trainer Rehm zugunsten einer 4-1-4-1-Formation vom lange Zeit bewährten 4-4-2 ab. Nach der Niederlage im Relegations-Hinspiel gegen Ingolstadt (1:2) erfolgte aber die Rückkehr zum flachen 4-4-2, mit dem in Ingolstadt (3:2) letztlich der entscheidende Schritt glückte.

Auch in der 2. Bundesliga dürfte Rehm zunächst auf das 4-4-2 bauen. Nach den vor der Relegation durchaus erfolgreichen Spiele im 4-1-4-1 ist aber je nach Ausgangslage und Gegner auch eine Variation möglich. Wer aus dem Kreis der elf Neuzugänge in die Phalanx der Aufstiegself eindringen kann, bleibt abzuwarten. Michel Niemeyer entweder links defensiv oder offensiv dürfte aber wie Benedikt Röcker gute Karten haben, zumal sich die im Test gegen Würzburg erlittene Verletzung als nicht allzu schwer herausgestellt hat.

Die mögliche Startelf: Watkowiak – Kuhn, Mockenhaupt, Röcker, Niemeyer – Shipnoski, Gül, Mrowca, Dittgen – Kyereh, Schäffler

Fazit & Prognose

Dem SV Wehen Wiesbaden steht mutmaßlich eine schwierige Saison bevor. Der Kader verfügt zwar offensiv über Potential, doch ob dies ähnlich effektiv auf den Platz gebracht werden kann wie in der 2. Bundesliga erscheint eher fraglich. Als Handicaps könnten sich die insgesamt geringe Erfahrung und eine auch in der Saisonvorbereitung nicht stabile Hintermannschaft erweisen. Letztlich wird es nur um den Klassenerhalt gehen, der fraglos ein Erfolg wäre.