Fabian Boll: St. Pauli muss vorne drauf marschieren

Wünderschön, wenn dir beim Bäcker applaudiert wird

Autor: Christian Slotta Veröffentlicht: Montag, 01.10.18 | 08:05
Fabian Boll sagt Ruud van Nistelrooy ein paar deutliche Worte.

Paulis ehemaliger Führungsspieler Fabian Boll ließ sich auch von großen Namen nichts sagen. ©imago/Claus Bergmann

Fabian Boll – Polizist und „Fußballgott“ in Personalunion. Als Teenager schon Fan des Vereins, trug der gebürtige Bad Segeberger später ganze 14 Jahre das Trikot vom FC St. Pauli. Als wichtiger Eckpfeiler in dieser Zeit wuchs er bei den Fans zur Kultfigur.

Am Sonntag, wenn das Derby zwischen dem HSV und St. Pauli angepfiffen wird, gehen dem 39-Jährigen sicher wieder schöne Erinnerungen durch den Kopf. Immerhin ist er ungeschlagen gegen den HSV. Mit Liga-Zwei.de hat Fabian Boll über seine Zeit bei St. Pauli und die Bedeutung des Derbys gesprochen.

Herr Boll, seit diesem Sommer sind Sie Co-Trainer beim SC Condor in der Oberliga Hamburg. Wie darf man sich denn den Co-Trainer Fabian Boll so vorstellen?
Fabian Boll: (lacht) „Das ist schon mal eine gute Frage. Die Sache ist eigentlich darauf ausgelegt, dass ich meinen Erfahrungsschatz weitergebe. Einer meiner besten Freunde (Olufemi Smith, Anm. d. Red.) hat dort den Posten des Chef-Trainers bekommen und hat mich gefragt, ob ich ihn dort etwas unterstützen könnte.

Vor allem bin ich eben da, um den Jungs auch mal ein paar Tipps zu geben. In dieser Konstellation bin ich der Einzige mit Profierfahrung. Und da hören die Jungs natürlich auch mal zu, wenn einer etwas erzählt, der schon höherklassig gespielt hat. So versuche ich Einfluss darauf zu nehmen, dass die Jungs sich hoffentlich auch verbessern.“

Das heißt, nach der A-Lizenz, die Sie nun innehaben, ist nicht zwangsläufig noch mehr geplant?
Boll: „Da muss man mal schauen. Aktuell sind keine Bestrebungen da, händeringend etwas im Profibereich zu suchen, sodass ich unbedingt den Fußballlehrer bräuchte. Mit der A-Lizenz kommt man ja schon mal relativ weit.

Man kann alle Jugend- und Frauenmannschaften trainieren, Co-Trainer in der Bundesliga werden. Da muss ich jetzt noch nicht den zweiten Schritt vorm ersten machen. Ich will nicht ausschließen, dass das vielleicht irgendwann mal kommt, aber Stand jetzt ist das nicht geplant.“

„ Dann haben wir den Rest der Zeit auf Beton trainiert. ”
über frühere Trainingsbedingungen

14 Jahre haben Sie das Trikot des FC St. Pauli getragen, bekamen die Bezeichnung „Fußballgott“. Die Herzen der Fans hingen und hängen immer noch an Ihnen. Können Sie mal erläutern, was der Klub für Sie bedeutet – auch noch nach Karriereende?
Boll: „Natürlich habe ich nach wie vor eine starke emotionale Bindung zu den Fans. Was der Klub für mich bedeutet, ist schwierig zu sagen. Ein Klub ändert sich ja auch immer mal. In meinem Fall hat der Verein heute nicht mehr so viel mit dem Verein zu tun, den ich damals kennengelernt habe. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.“

Worin liegen denn die Unterschiede?
Boll: „Bei uns war früher alles eher so ein bisschen durcheinander, unkonventionell, unbürokratisch. Mittlerweile ist auch der FC St. Pauli ein Wirtschaftsunternehmen, das es sich gar nicht mehr leisten kann, irgendwas mal kurz zwischen Tür und Angel zu besprechen. Dort gibt es die gleichen Abläufe wie bei den anderen Zweit- und auch Erstligisten.

Da hat sich schon eine ganze Menge getan – auch infrastrukturell. Wenn man mal sieht, unter welchen Bedingungen die Spieler heute trainieren, das hat ja nichts mit dem zu tun, was wir – gerade in meiner Anfangszeit – an Trainingsbedingungen hatten. So einen Kraftraum hätten wir früher gerne gehabt oder zwei, drei vernünftige Rasenplätze und einen Kunstrasenplatz.

Jedes Jahr ab Oktober haben wir eigentlich immer auf Matsch trainiert. Und wenn der Rasen in den Trainingseinheiten von uns sozusagen komplett abgeschert worden ist, dann haben wir den Rest der Zeit auf Beton trainiert. (lacht) Das hat sich schon extrem gewandelt. Und darin liegt vielleicht auch die Krux in der ganzen Geschichte, dass St. Pauli nicht mehr dieses Underdog-Image für sich beanspruchen kann.“

„ Die alte Bruchbude hatte einen ganz anderen Charme. ”
über das alte Millerntor-Stadion

Wie genau meinen Sie das?
Boll: „Die Voraussetzungen sind ja teilweise sogar schon besser als bei der Konkurrenz. Das muss man ganz klar sagen. Auch das Stadion ist superschön. Aber es hatte früher einen anderen Charakter, wenn sich das Gästeteam da unten in den alten moderigen Kellerräumen umziehen musste und da eine Toilette für 22 Leute war.

Die alte Bruchbude hatte da noch mal einen ganz anderen Charme. Deswegen bin ich auch froh und dankbar, dieses so mitgenommen zu haben.“

Fabian Boll grätscht Mladen Petric ab.

Beim historischen Derbysieg 2011 behielt Boll nicht nur im Zweikampf die Oberhand, sondern bereitete auch das Siegtor vor. ©imago/Oliver Hardt

Am Sonntag steht seit über sieben Jahren mal wieder das große Hamburger Stadtderby an. Wie werden Sie das erleben? Sind Sie im Stadion?
Boll: „Am Sonntag fiebere ich natürlich mit und drücke die Daumen, gerade weil ich weiß, was dieses Spiel für die Fans bedeutet. Daher hatte ich über den FC St. Pauli auch Karten angefragt, aber leider konnte ich keine ergattern. Dann werde ich mir das Spiel eben im TV ansehen.“

„ In der Zweiten Liga bekommt man eher auf die Füße. ”
über den Unterschied zur Ersten Liga

Der HSV hat bisher noch die eine oder andere Anpassungsschwierigkeit in Liga zwei. Sie kennen die Liga aus 141 Pflichtspielen. Worauf kommt es da genau an?
Boll: „Es gibt schon gravierende Unterschiede zwischen der Ersten und der Zweiten Liga. Die Bundesliga ist mehr auf Fußballspielen ausgelegt. Ich war selbst überrascht, dass man dort gerade im Mittelfeld eigentlich mehr Zeit und Raum hat. In der Zweiten Liga bekommt man dann doch eher mal was auf die Füße.

Viele Mannschaften operieren dort mit langen Bällen aus der Abwehr heraus. Der HSV hingegen versucht das unter Christian Titz alles sehr spielerisch zu lösen. Das kann aber auch, wie man schon gesehen hat, unheimlich nach hinten losgehen, wenn nicht die Ballsicherheit da ist. Und in einem Derby herrscht sowieso noch mal eine ganz andere Drucksituation.

Ich gehe allerdings davon aus, dass der HSV nicht von seiner Marschroute abweichen und es weiter probieren wird. Und genau da wird auch die Chance für St. Pauli liegen, wenn sie da aggressiv vorne draufgehen, sodass sie viele Balleroberungen haben könnten. Und dann Feuer frei!“

Sie selbst haben vielleicht eine kurze, dafür aber ziemlich erfolgreiche Derbykarriere erlebt: zwei Spiele, ein Sieg, ein Remis sowie ein Tor und eine Vorlage. Wie sind Ihre persönlichen Erinnerungen an die beiden Spiele?
Boll: „Klar ist das mit dem Tor im Hin- und der Vorlage im Rückspiel für mich als Sportler super gelaufen. Aber letztlich war es für mich vor allem etwas ganz Besonderes als jemand, der schon so lange mit dem Verein verbunden ist – durch mein Fan-Dasein im Prinzip seitdem ich 15 war.

Zumal ich ja sogar noch die Derbys gegen die Zweite vom HSV in der Regionalliga gespielt habe und ein paar Jahre später spielt man in der Bundesliga tatsächlich gegen den großen HSV vor 55.000 Zuschauern und gewinnt.

„ Teilweise körperlich bestimmt nicht mehr gesund. ”
über die Anspannung vor dem Derby

Normalerweise steigt die Spannung erst am Spieltag, aber da war man zwei, drei Tage vorher schon komplett unter Strom, das war schon Anspannung pur. Teilweise körperlich bestimmt auch nicht mehr sonderlich gesund. Nach dem Sieg war es wunderschön, als man am nächsten Tag zum Bäcker gegangen ist und die Leute einem dort halbwegs applaudiert haben. Das hat mir gezeigt, welche Wertigkeit dieses Spiel hat.“

Abschließend kommen wir nicht an dieser Frage vorbei: Was erwarten Sie für ein Spiel am Sonntag und vor allem, wer entscheidet es für sich?
Boll: „Ja, das ist echt eine Wundertüte. Ich glaube nicht, dass die Teams ihr Heil in der Offensive suchen werden, sondern erst einmal defensiv kompakt stehen wollen. Vor allem der HSV, nachdem er fünf Stück bekommen hat, wird den Fokus auf die Defensive legen. Da könnte eine Menge Krampf dabei sein.

Ich würde mir natürlich wünschen, dass St. Pauli mit dem nötigen Selbstvertrauen auftritt und auch vorne drauf marschiert. Eine Prognose kann ich für dieses Spiel aber wirklich nicht abgegeben. In 90 Minuten, erst recht in einem Derby, ist sowieso immer alles möglich.

Dem neutralen Zuschauer gönne ich viele Tore. Aus beruflicher Warte als Polizist muss ich mir fast wünschen, dass es ein gähnend langweiliges 0:0 wird, wo gar keine Emotionen hochkochen. Aber das möchte der Sportler in mir ja auch nicht. Hoffen wir einfach mal, dass es ein gutes, sportlich hochwertiges Spiel wird.“

Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch, Herr Boll!

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