Heidenheim-Insider Göhlert vor dem Pokalderby

Ex-Spieler gibt Einblicke

Tim Göhlert (r.) gegen Union Berlin

Kennt sich auf der Ostalb aus. Elf Spielzeiten lief Tim Göhlert (r.) im Trikot des FCH auf. ©imago images/Eibner

Vor 16 Jahren stieg der damals 19-jährige Tim Göhlert in Chemnitz in einen alten Suzuki Balena und startete seine Reise in eine für ihn damals unbekannte Stadt, unbekannte Region und unbekannte Lebensform. Fernab des Elternhauses und des vier Jahre älteren Bruders, Daniel, der später beim 1.FC Union Berlin zur Legende reifte.

Die Reise führte nach Ulm, um dort Medizin zu studieren und um halt auch ein bisschen zu kicken beim ortsansässigen SSV 1846. Was niemand damals ahnen konnte: Dies war keine Reise auf Zeit, sondern eine Reise ohne Wiederkehr. Es war eine Reise in eine neue Welt, die längst seine Heimat geworden ist. Aus dem fußballspielenden Ulmer Medizinstudenten wurde der Medizin studierende Fußballprofi des 1.FC Heidenheim.

Vom Fußball-Profi zum Mediziner

Dies hat es seit Jahrzehnten, seit Jupp Kapellmann, nicht gegeben. Elf Jahre lang mit rund 300 Einsätzen, drei Ligasprüngen und einem Schienbeinbruch beim Match in Jena, dessen Erstversorgung er einst an Ort und Stelle gleich selbst vornahm. Genau vor zwei Jahren beendete er seine Zweitligalaufbahn in Heidenheim ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages, um eine neue Karriere aufzunehmen: Die des Fulltime-Mediziners.

Dies geschieht von Ulm aus, wo er seinem 5-köpfigen Familienverbund ein schmuckes Eigenheim gebaut und wo er nach seinem sportlichen Abschied aus Heidenheim nochmals eine Zeitlang im Abwehrzentrum agierte. Wohl niemand also kennt die Gegner des baden-württembergischen Pokalderbys also so gut wie Tim Göhlert. Am Sonntag war er Augenzeuge des packenden 2:2 seiner früheren Heidenheimer Kollegen gegen den großen VfB Stuttgart. Hier steht er Liga-Zwei.de für ein Gespräch zur Verfügung.

Herr Göhlert, sie sind vor zwei Jahren freiwillig ausgestiegen aus dem Profifußball. Was ist Ihnen aufgefallen bei Ihrem aktuellsten Wiedersehen mit Ihren Heidenheimern?
Tim Göhlert: „Ich freue mich sehr mit den Machern und Spielern, mit denen ich immer noch kollegial und freundschaftlich verbunden bin, über die Entwicklung in den vergangenen Jahren. Es ist noch weiter vorangegangen, ohne dass die alten bewährten Heidenheimer Tugenden verloren gegangen sind.

So gesellt sich zur immer schon vorhandenen Emotionalität, Einsatzstärke sowie Einer-für-alle und Alle-für-einen-Mentalität nun eine mitreißende spielerische Qualität, die eine große Lust auf die Ränge transportiert. Die Menschen haben Freude zum FCH zu gehen, weil sie befürchten, andernfalls etwas Besonderes zu verpassen.“ 

Als Sie 2007 nach Heidenheim wechselten, war Frank Schmidt noch nicht ihr Trainer, sondern Ihr Kollege in der Verteidigung. Wer ist Frank Schmidt? Wofür steht er? Worauf legt er vorrangig wert?
Göhlert: „Frank Schmidt ist ein Kopfarbeiter. Alles ist akribisch geplant, strukturiert und umgesetzt. Frank ackert Tag und Nacht Fußball. Das ist sein Spezialgebiet, seine Berufung, seine Leidenschaft. Spieler und Mitarbeiter, die nicht mitziehen, nicht annähernd ähnlich motiviert und verlässlich an die Arbeit gehen, haben bei ihm keine lange Haltbarkeit.

Die sind schnell weg vom Fenster. Frank hat sich mit seiner Art in Heidenheim seinen Traumarbeitsplatz geschaffen. Er wird niemals müde werden, alles Menschenmögliche weiter verbessern zu wollen, um das Maximale aus den gegebenen Heidenheimer Umständen herauszuholen.“

Jeder Ulmer läuft, kämpft und verteidigt für zwei. (über die einzige Ulmer Chance)

In der Reihe der Heidenheimer Innenverteidiger galten Sie als der Spieler mit dem besten fußballerischen Potenzialen. Wie gefällt Ihnen die aktuelle Besetzung? Wie beurteilen sie die Perspektiven von Oliver Hüsing?
Göhlert: „Aktuell ist der FCH auf der Innenverteidigerposition mit Beermann, Mainka und Hüsing sehr stark besetzt in dieser Liga. Sowohl fußballerisch als auch zweikampftechnisch. Die eigene Torgefährlichkeit ist noch ausbaufähig, doch die Voraussetzungen im Kopfballspiel haben alle drei allemal.

Alles was ich bisher von Hüsing gesehen und gehört habe, ist so positiv, dass er in diesem Abwehrverbund jederzeit integrierbar sein wird. Frank Schmidt spielt vorzugsweise mit einem Rechts- und einem Linksfuß im Abwehrzentrum. Da sich Mainka und Hüsing sehr ähneln, wäre Hüsing vielleicht besser ein Linker…“

Tim Göhlert (r.) gegen Julian Günther-Schmidt.

50 Partien bestritt Tim Göhlert (r.) für den SSV Ulm. ©imago images/Nordphoto

Mit Dorsch und Griesbeck besitzt Heidenheim zwei der wohl lauffreudigsten, zweikampf- und antriebsstärksten Mittelfedspieler der 2. Bundesliga. Haben die Ulmer überhaupt ein Gegenmittel?
Göhlert: „Im Eins-gegen-Eins-Fight ist jeder Ulmer gegen diese beiden Powerfußballer unterlegen. Das Gegenmittel heißt: Jeder Ulmer läuft, kämpft und verteidigt für zwei. Nicht nur drei, vier Spieler sondern jeder. Nur von einem starken Verbund wären Griesbeck und die anderen aufzuhalten.“

In Frühjahr hätte der 1.FC Heidenheim beinahe die Bayern aus dem Pokal gefegt: Erst vergab Thomalla den Matchball zum 5:4, dann schubste Lewandowski den armen Busch in die zweifelhafte, doch spielentscheidende Unterarmberührung des Balles. Was blieb ist der persönliche Triumph des dreifachen Torschützen Glatzel. Dem Vernehmen nach spült sein Wechsel nach Cardiff rund 6 Millionen Euro in die Klubkassen. Fürs Erste ist nun Unterhachings Stefan Schimmer dafür mit an Bord. Ist er schon vorbereitet auf das, was Frank Schmidt von seinen Angreifern erwartet?
Göhlert:Der Blick nach Unterhaching hat ja quasi Tradition in Heidenheim. Niederlechner war ein Volltreffer und wurde dann mit schönem Gewinn nach Mainz verkauft. Auch mit Voglsammer hat der FCH gerade noch ein Geschäft gemacht. Denn er ist bei uns nicht sonderlich glücklich geworden. Blieb sogar ohne Ligatreffer. Was Frank von seinen Offensivkräften verlangt, passt nicht in den Jahrmarkt der Stürmer-Eitelkeiten: In Heidenheim kann nur der Angreifer glücklich werden, der Lust darauf hat für die Mannschaft zu arbeiten, der mitrackert und mitverteidigt.

Und der sich nicht darüber beklagt, wenn er in einem ganzen Match nur ein, zwei hochwertige Vorlagen bekommt, um sein Tor zu machen. Das ist zu unromantisch, um einen ähnlichen Topkiller wie Terodde nach Heidenheim zu locken. Außerdem ist Holger Sanwald genauso sparsam wie es die viele Legenden unserer Region erzählen. Wenn sich Frank nun den Schimmer ausgeguckt hat, dann hat er dies ganz sicher mit großer Genauigkeit getan. So wünsche ich viel Glück mit den Haching-Deal Nr.3.“

Genau vor einem Jahr ballerten die Ulmer den Cupverteidiger Eintracht Frankfurt aus dem Wettbewerb. Ist gegen Heidenheim ein neuer Coup vorstellbar?
Göhlert: „Nein. Die Situation ist diesmal anders. Heidenheim ist stark in die neue Spielzeit gestartet, den Ulmern ist dies nicht ganz gelungen. Mir ist nicht bekannt, dass ein von Frank Schmidt betreutes Team jemals gegen einen zwei Ligen tiefer spielenden Gegner im Pokal verloren hat. Frankfurt hat den Job in Ulm unterschätzt, der FCH wird dies nicht tun.

Das geht nicht mit Frank Schmidt und vielen seiner Spieler, die diese Professionalität längst adaptiert und konditioniert haben. Ich kann diesmal keine Vorteile des Underdogs erkennen. Nicht einmal auf den Rängen. Die Hälfte der Zuschauer kommt bestimmt aus Heidenheim.“ 

Vielleicht komme ich als Arzt dahinter, warum er so gut schießen kann. (über Marc Schnatterer)

Wären Sie gern im Trikot der Ulmer Spatzen dabei in diesem Duell?
Göhlert: „Nein, jetzt nicht mehr. Ich gebe zu, dass ich eine Weile brauchte, um zu akzeptieren, dass einfach keine Zeit mehr für den Leistungssport bleibt, wenn meine Laufbahn als Arzt weiter Fahrt aufnehmen soll.

Und ich gebe zu, dass ich zunächst über ein Jahr lang nicht nach Heidenheim zu den Heimspielen gefahren bin, weil ich das Spektakel erst einmal vermisst habe nach diesen vielen Jahren. Doch jetzt bin ich wieder gern im Stadion und fühle mich wohl auf den Rängen. Oft mische ich mich unter die FCH-Fans auf der Stehplatztribüne.“

Holger Sanwald berichtet gern, dass er die Hoffnung nicht aufgibt, Sie eines Tages als Klubarzt beim 1.FC Heidenheim einsetzen zu können. Und aus dem Lager des SSV Ulm hört man immer wieder, dass man Ihnen einen Schreibtisch bereitgestellt habe, um eines Tages die sportliche Leitung in Ihre Hände geben zu können. Wem können Sie größere Hoffnungen machen?
Göhlert: „Im Mittelpunkt meines Lebens steht meine Familie. Wir haben drei zauberhafte Kinder. An zweiter Stelle steht meine medizinische Laufbahn, die ich stabilisieren möchte und deshalb bin ich auch jetzt in zwei Aktionsfeldern zugleich aktiv: Den Vormittag verbringe ich als Arbeitsmediziner in Heidenheim und den Nachmittag in einer privaten Ulmer Praxis für Allgemeinmedizin.

Das ist viel mehr als ein normaler Arbeitstag, doch ich schaffe diese Doppelbelastung auch hierbei. Wenn ich eines Tages ein wenig selbstbestimmter meinen Tag einrichten kann, dann würde ich mit Holger Sanwald gern mal darüber reden. Und dann ist hoffentlich auch der „Schnatti“ immer noch dabei. Vielleicht komme ich als Arzt dahinter, warum er so gut schießen kann.“ 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Göhlert!

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