VfB Stuttgart: Mathe-Genie Matarazzo berechnet den Aufstieg

Michael Wiesinger über seinen einstigen Co-Trainer

Pellegrino Matarazzo (r.) im Gespräch mit Nathaniel Phillips.

Pellegrino Matarazzo (r.) soll den VfB zurück in die 1. Liga führen. ©imago images/Pressefoto Baumann

Pellegrino Matarazzo ist Mathematiker. Und nun Fußballtrainer des VfB Stuttgart in der 2. Bundesliga. Wer sich in der Welt der Formeln, Funktionen und Gleichungen zurechtfindet, scheint es zu mögen, sich auch den Finessen des Fußballspiels mathematisch anzunähern. Die Mathematik gilt als Schule des Denkens und Mathematiker sehen sich gern als Problemlöser.

Viele Beobachter des VfB Stuttgart entdeckten im Spiel des Teams jüngst zu viel Zügellosigkeit, Wildheit und Prahlerei. Doch zu wenig Strategie. Zu wenig Kontrolle und Maßhalten im Umgang mit dem Risiko. Deshalb hat der VfB Stuttgart Matarazzo geholt und die Grenzen schwäbischer Rituale der Sparsamkeit ein weiteres Mal sprengen müssen.

Denn der Wechsel ist ein gewagtes, weil kostspieliges Unterfangen: Tim Walter hat 1,25 Millionen Euro allein an Ablöse gekostet, doch nur eine halbe Spielzeit gearbeitet. Eine so hohe Entschädigung wie an Holstein Kiel wurde in der 2. Bundesliga für einen Trainer noch nie zuvor gezahlt. Und ligahöher auch nur sehr selten.

Seine Leistungen gelten als Chefsache

Damit nicht genug: Weil Walter seinen Mittelfeldspieler Karazor mitnahm, floss noch eine weitere Ablösemillion von Stuttgart nach Kiel. Clever gemacht, KSV Holstein!

Bitter für den VfB auch diese Entwicklung: Ob Matarazzo für den Liebling seines Vorgängers überhaupt Verwendung findet, gilt nun keineswegs als sicher. Und auch Matarazzo kam keineswegs zum Nulltarif: 350.000 Euro überweist der VfB in seiner Sorge um den Aufstieg nach Hoffenheim. Obwohl Matarazzos Leistungs-Portfolio von Nagelsmanns Nachfolger Schreuder eher ungenutzt geblieben sein soll.

Möglicherweise geriet die Entwicklung in Hoffenheim deshalb in diese Richtung, weil das, was Matarazzo zu leisten imstande ist, im großen Fußball eindeutig als Chefsache gilt. So berichten Eingeweihte, dass künftige Kampfplanungen, listige Manöver und Kunstgriffe des Stuttgarter Fußball-Ensembles auf dem Rückweg in die hiesige Eliteliga nunmehr von Maßnahmen und Vorgehensweisen geprägt sein werden, die auf ganz besondere Fähigkeiten des 42 Jahre alten Fußball-Lehrers Pellegrino Matarazzo beruhen.

Elf Jahre Vorbereitung in Nürnberg

Deshalb hat sich Liga-Zwei.de umgehört. Dort, wo es Menschen gibt, die Matarazzo aktuell erlebt haben. Und natürlich in Nürnberg und in Hoffenheim, wo Matarazzo als Ausbildungstrainer wertschöpfend aktiv war.

Rund elf Jahre lang war Matarazzo beim „Club“. Vom damaligen Nürnberger Nachwuchsleiter Dieter Nüssing 2006 zunächst als Leader-Spieler des U23-Teams geholt. Dort ist er dann zum Co-Trainer aufgerückt. Seine Chefs waren zuerst DDR-Torwart-Legende René Müller und Michael Wiesinger.

Seine größte Stärke ist die Fähigkeit, Fußballspiele perfekt zu analysieren. (Michael Wiesinger über Pellegrino Matarazzo)

Letzterer erinnert sich an „Rino“, wie er ihn auch heute noch vertraulich nennt, ausgesprochen gern und sagt: „Seine größte Stärke ist die Fähigkeit, Fußballspiele perfekt zu analysieren. Er kann die Spiele lesen. Die eigenen und die der Gegner.“

Und dabei hat Matarazzo auch Dieter Hecking über die Schulter schauen können. Hat seine Spieler, wie Stark, Chandler und Plattenhardt, auf den Karrieresprung in die Bundesliga vorbereitet und seine Stilmittel als Trainer zur Reife gebracht. „Rino hat überall angepackt, war sich für keine Arbeit zu schade, blieb immer geduldig und gelassen“, bemerkt Wiesinger weiter.

Michael Wiesinger an der Seitenlinie

In 44 Spielen der zweiten Mannschaft arbeitete Michael Wiesinger mit Pellegrino Matarazzo zusammen. ©imago images/Revierfoto

Im ersten Moment klingt dies noch nicht nach Genialität, doch der große Rückschluss der Branchenkenner lautet so: Der Mathematiker Matarazzo steuert seine Fußballer in die Welt der Strategie. Für Matarazzo ist alles, was geschieht, Absicht. Teil seines Kalküls. Seines Plans. Seiner Berechnungen.

Rino geht immer total strukturiert vor. (Wiesinger über die Zusammenarbeit)

Für Matarazzo ist Strategie das Fundament seiner Arbeit. Mehr noch. Seines Lebens. Erst denken, dann handeln. Diesen Lebensgrundsatz bekräftigt nochmals Wiesinger: „Ich kenne keinen Menschen, der in seiner Gedankenwelt so viel Klarheit erzeugen kann wie Rino: Egal, was er sich gerade vornimmt: Er geht immer total strukturiert vor.“ Wer an dieser Stelle Emotionen braucht, kann bei Matarazzo lange warten.

Rund um die Jahrtausendwende war Wiesinger zwei Spielzeiten lang für Ottmar Hitzfeld ein verlässlicher Kaderspieler bei den damals gerade besonders stabilen Bayern. So war er mit dabei auf dem Triumphmarsch durch Europa. Ende Mai 2001 erlebte der wieselflinke Wiesinger mit dem Gewinn der Champions League die Sternstunde des FC Bayern.

Gegensätze ziehen sich an

Wiesinger kam zwar nicht zum Einsatz, doch nicht nur Kahn, Effenberg, Salihamidzic, Scholl und Elber tanzten und feierten: Auch Wiesinger streckte den wertvollsten Cup des Vereinsfußballs in den Mailänder Nachthimmel. Wie zuvor die Trophäen für zwei Bundesliga-Meisterschaften sowie für den DFB-Pokalsieg. Zwei Bayern-Jahre, die sich gelohnt haben.

Als sich Wiesinger und Matarazzo 2011 beim 1. FC Nürnberg erstmals begegnen, finden zwei Trainerkollegen zueinander, wie sie auf den ersten Blick gegensätzlicher kaum wirken können.

Hier Wiesinger: Ein körperliches Leichtgewicht bei nur 1.68 Meter. Dort der Hüne Matarazzo: Vom Scheitel bis zur Sohle haargenau zwei Meter lang.

Hier Wiesinger: Mit einer spektakulären FC-Bayern-Vita. Dort Matarazzo: Einst Kicker an einer amerikanischen Edel-Uni, dann Abwehrrecke im damals drittklassigen Wiesbaden, Münster und Wattenscheid.

Hier Wiesinger: Bereits Vater des Ingolstädter Aufstiegs in die 2. Bundesliga. Dort Matarazzo: Noch Frischling in der Trainergilde.

Hier Wiesinger: Mit den Regionen Bayerns im Herzen. Daheim zwischen Burghausen, Nürnberg, München und Ingolstadt. Dort Matarazzo, der Weltenbürger: Dank seines Vaters mit italienischen Wurzeln vor den Toren Manhattans geboren, aufgewachsen und sogar gezielt zum Fußball gelenkt.

Bad Kreuznach statt Wall Street

Als der baumlange Schlacks mit 22 Jahren und einem Bestnoten-Diplom als Mathematiker vor einer Börsen-Karriere an der New Yorker Wall Street steht, ist die Liebe zum Fußball gar überwältigend: Pellegrino Matarazzo steigt in den Flieger nach Frankfurt, um die Möglichkeit zu nutzen, für Eintracht Bad Kreuznach in Deutschland Fußball zu spielen. Die deutsche Sprache versteht er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als Matarazzo Anfang Juni des vorigen Jahres bei Holstein Kiel schon ein erstes Mal seine Bewerbung für die Nachfolge von Tim Walter vortrug, soll er seine Zuhörer überzeugt haben: Mit seiner Offenheit, seiner Intelligenz und Kompetenz.

Schon in Kiel Angebot für das Walter-Erbe

Holstein Kiel steht bei der Wahl seines Personals für Aufbruch, Frische und Jugendlichkeit. Matarazzo schien der ideale neue Eckpfeiler zu sein. Doch der sagte ab. Aus Rücksicht auf den Familienverbund aus Ehefrau und Söhnchen im württembergischen Sinsheim.

Der Pendelverkehr ins nördlichste Aktionsfeld des Fußballs stieß dort auf unüberbrückbare Proteste. Der Fußball-Lehrer gehorchte. Und dennoch ging die Rechnung abermals auf, denn nur ein halbes Jahr später übernimmt er nun doch für Tim Walter. Diesmal weitaus familienfreundlicher: Nur 80 Kilometer von Haustür zu Haustür.

Beweissicherung beginnt gegen Heidenheim

Ja, das Fußball-Abenteuer des Mathe-Genies verläuft gerade wie ein Märchen. Sämtliche Entscheidungen des Lebens gehen gewinnbringend aus. Wer Matarazzo kennt, zweifelt nicht daran, dass solche Lösungen des Lebens seinem mathematischen Verständnis und als Ergebnisse seiner festgelegten Strukturen entstehen.

In der Mathematik kann die Lösung eine Konstruktion oder ein Beweis sein. Im Fußball arbeitet Matarazzo noch an der Konstruktion. Die Beweissicherung beginnt Ende des Monats im Heimspiel gegen den 1.FC Heidenheim.