VfL Osnabrück: Warnung vor dem Absturz

Christian Demirtas erlebte mit Würzburg den GAU

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Samstag, 15.02.2020 | 15:00

Anas Ouahim vom VfL Osnabrück ist enttäuscht

Ein Punkt aus vier Spielen: Kann der VfL den Abwärtstrend stoppen? ©Imago images/Osnapix

Beim VfL Osnabrück müssen sie wieder auf der Hut sein. Denn den Start ins Fußballjahr 2020 haben sich die Fußballer an der Bremer Brücke anders vorgestellt. Von zwölf möglichen Zählern haben sie nur einen Punkt geholt. Dieser negative Ergebnistrend ist alarmierend.

Am Sonntag geht es zum Duell der Aufsteiger zum KSC. Der steckt schon richtig im Schlamassel. Der hat jetzt fünf Ligaspiele hintereinander und obendrein das Cup-Match in Saarbrücken vergeigt und den Weg aus dem Souterrain der Tabelle schon seit längerer Zeit aus den Augen verloren.

Würzburger Desaster als Warnsignal

Deshalb muss Alois Schwartz seit zwei Wochen zuhause bleiben. Der Siegeszug durch die 3. Liga, der souveräne Aufstieg in die 2. Bundesliga, der großartige Saisonstart, der 10. Platz nach 20 Spieltagen – alles scheint nichts mehr wert, wenn erst einmal die Angst umgeht.

Die Angst vor einem ähnlichen Desaster, in das die Würzburger Kickers zur selben Zeit des Jahres 2017 Woche für Woche immer tiefer hineintorkelten. Nach einer erfolgreichen Hinrunde mit 27 Punkten nach 17 Spielen gelang den Kickers in der Rückrunde kein einziger Sieg mehr.

So beendeten sie die Spielzeit mit 34 Punkten, als Tabellenvorletzter und mit dem Abstieg. Diese Fallstudie eines Desasters ist seither das deutlichste Warnsignal für Emporkömmlinge in Fußballschuhen, die viel früh glaubten den Ligaverbleib sicher zu haben.

Liga-Zwei.de spricht darüber mit Christian Demirtas. Der frühere Jürgen-Klopp-Schützling bei Mainz 05, ehemalige Profi des Karlsruher SC und heutige Co-Trainer des VfR Aalen war vor drei Jahren dabei in Würzburg: Als Assistent des erfahrenen Cheftrainers und Felix-Magath-Intimus Bernd Hollerbach.

„ Auffällig ist fürs erste, dass der Winterbreak dem VfL Osnabrück offensichtlich nicht gut getan hat ”
Christian Demirtas

Christian Demirtas, sind Sie seit diesem brutalen Würzburger Absturz ein Spezialist für Extremkrisen?
Demirtas: "Schön wär‘s. Ein Coach, ein professioneller Analytiker oder gar ein Therapeut bin ich für solche Fälle leider noch nicht. Doch ich hoffe, die DFB-Ausbildung zum Fußball-Lehrer bald antreten zu dürfen. Aber ich habe dieses Extrembeispiel erlebt, bin mit hineingeraten in diesen Strudel.

Auch ich hatte damals keine Mittel, keine Impulse und somit keinen Einfluss darauf, diese fatale Abwärtsspirale aufzuhalten. So übernehme ich eine gewisse Mitverantwortung und kann nun sicherlich davor warnen. Aber es kommt immer Vieles zusammen."

Dann warnen Sie doch mal. Wie gefährlich könnte es für den VfL Osnabrück werden in diesen kommenden Wochen?
Demirtas: "Auffällig ist fürs erste, dass der Winterbreak dem VfL Osnabrück offensichtlich nicht gut getan hat. Vor dem Jahreswechsel haben sie an der Bremer Brücke noch den Triumph über den großen HSV gefeiert, Dynamo mit 3:0 besiegt und zudem ging fünfmal ging kein Spiel verloren. Das war ja bei uns in Würzburg ähnlich: Wir sind mit einem 3:0 über den VfB Stuttgart in die Pause gegangen."

Bernd Hollerbach und Christian Demirtas

Bernd Hollerbach (l.) und Christian Demirtas bekamen die Kickers 2017 nicht wieder in die Spur. ©Imago images/foto2press

Und was passierte dann?
Demirtas: "Der Winterbreak war ein gravierender Störfaktor bei uns in Würzburg. Wir hätten am liebsten immer weiter gespielt damals, denn wir waren programmiert auf Erfolg damals. Alles lief wie geschmiert. Alle hatten ein riesiges Selbstvertrauen. Wir erlebten die Leichtigkeit des Seins."

In der Tat blickte Würzburg als Underdog auf einen Triumphzug durch die Ligen: 2015 aufgestiegen in die 3. Liga und nur ein Jahr danach direkt schon hinauf in die 2. Bundesliga. Und dort als Neuling diese 27 Punkte nach 17 Ligaspielen.

Ging auf diesem Höhenflug der Bodenkontakt verloren? Haben Sie sich vom Siegesrausch berieseln lassen damals? Wurde in Würzburg schon vom nächsten Aufstieg geträumt?
Demirtas: "Natürlich sind solche Träumereien aufgekommen und haben mehr als es uns im Trainerstab lieb war, die Runde gemacht. Doch es gab weitere Entwicklungen, die für unseren Leistungseinbruch weitaus schwerer wiegen."

Welche Veränderungen sind dies?
Demirtas: "Einige unserer Spieler hatten sich interessant gespielt für den Markt des Profifußballs. Einige unserer Leistungsträger haben sich seit dieser Winterpause statt mit dem Ist-Zustand, zu sehr mit ihrer Zukunft beschäftigt. Da sind bereits Karrieresprünge zu anderen Klubs beschlossen worden."

„ Ein reiner Tisch ist gut fürs Betriebsklima. ”
über die Bekanntgabe des Agu-Wechsels

Und so waren diese Spieler nicht mehr zu hundert Prozent bei der Sache?
Demirtas: "Zum einen dies und daneben war es bei uns so, dass es zu vielen Heimlichtuereien gekommen ist. Diese Umtriebigkeiten haben unsere bis dahin so stabile Gemeinschaft zunehmend und schließlich extrem belastet. Unsere Kultur des Miteinanders ist schwer beschädigt worden und konnte nicht mehr repariert werden."

Sie glauben also, es ist besser so, dass beim VfL Osnabrück bereits alle über den bevorstehenden Verlust des starken Dribblers und Sprinters Felix Agu an Werder Bremen Bescheid wissen?
Demirtas: "Ein reiner Tisch ist gut fürs Betriebsklima. Ein ständiges Versteckspiel und manch Schwindelei sind es nicht. Vor allem dann nicht, wenn die sportliche Schieflage immer bedrückender wird. Eine solche Offenheit und so viel Ehrlichkeit hätten uns damals in Würzburg bestimmt geholfen."

„ Der KSC ist eine Institution der 2. Bundesliga. ”
über seinen Ex-Klub

Auffällig ist auch, dass damals bei Ihnen in Würzburg die vielen Niederlagen allesamt recht knapp ausfielen. Wäre ein richtiger Paukenschlag, so ein klassisches 0:5, als Weckruf besser gewesen?
Demirtas: "Ja, zu viele enge Spiele mit knappen Niederlagen verschleiern die Wahrheit und erhalten das Prinzip Hoffnung länger am Leben. Woche für Woche waren wir überzeugt, den Bock umstoßen zu können. Vergebens. So sind wir plötzlich abgestiegen, ohne dies alles wirklich begriffen zu haben.

Meine Erfahrungen mit dem Strom der Ohnmacht wünsche ich niemanden. Vor allem den Osnabrückern nicht. Die Spieler des VfL Osnabrück indes – so vermute ich – haben die Gefahren dieser bedrohlichen Lage noch nicht durchschaut. Für sie ist dieser 23. Spieltag in Karlsruhe ein Schlüsselspiel."

Sind wir somit zurück beim Match am Sonntag. Als Sie zur Jahrtausendwende für den KSC spielten, sprang ein stabiler 10. Rang heraus. Was ist mit dem KSC los aktuell?
Demirtas: "Im Gegensatz zum VfL Osnabrück und zu uns damals in Würzburg ist der KSC eine Institution der 2. Bundesliga. So träumt der KSC ja schon länger nicht mehr und hat sich bereits einrichten müssen auf den Existenzkampf, in dem er sich nun bis zum Saisonende bewähren muss.

Es ist ein Vorteil, die Realitäten möglichst frühzeitig erkennen können und sich darauf einzustellen. Ob sie diesmal gewinnen oder wieder nicht: Die Karlsruher wissen längst und somit viel früher als andere, wo sie stehen. Sie werden davon profitieren und die 2. Bundesliga erhalten."

Vielen Dank Ihre Gedanken zur aktuellen Lage der 2. Bundesliga, Christian Demirtas.